Kindern Grenzen setzen: Wie du Grenzen klar und empathisch kommunizierst – und hältst

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Wenn wir uns fragen, wie wir unserem Kind Grenzen kommunizieren können, schwingt oft eine Erwartung mit: dass unser Kind dann direkt einsieht, dass die Grenze sinnvoll ist – und alles reibungslos „funktioniert“. Aber wie realistisch ist diese Erwartung?

Du ahnst es sicher.

Deshalb das Wichtigste gleich vorab: Empathisch Grenzen zu setzen verspricht nicht, dass dein Kind deine Grenzen immer sofort akzeptiert. Und auch nicht, dass alles immer eindeutig, schnell, easy und harmonisch abläuft. Ohne Wut oder Tränen.

Nein. Denn darum geht es nicht.

Empathisch Grenzen zu setzen bedeutet:

  • Dass du in Verbindung mit deinem Kind bleibst,
  • während du für dich und euch sinnvolle Grenzen setzt (und hältst),
  • dass dein Kind sich verstanden fühlt
  • und in seinem Frust, seiner Wut oder Enttäuschung begleitet wird. (Und das macht den größten Teil unseres Jobs hier aus, denn einen Schleichweg um Gefühle unseres Kindes herum gibt es nicht.)

Wie genau das aussehen kann, zeige ich dir in diesem Artikel.

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Wie kannst du deine Grenze klar und empathisch kommunizieren – und halten?

Am besten lässt sich das an einem Beispiel erklären, das wir alle kennen: Ihr seid auf dem Spielplatz und du möchtest gehen, weil: Mittagszeit. Hunger. Müdigkeit. – Dein 3-jähriges Kind hat aber andere Pläne.

Diese Vorgehensweise ist auf ältere Kinder übertragbar – denn worum es hier geht, ist unsere Haltung.

Die Kommunikation in diesem Beispiel ist von der wunderbaren Dr. Laura Markham*, die mein Elternsein sehr geprägt hat.

Nun also, willkommen auf dem Spielplatz:

Du: „Ella, hast du Hunger?“

Ella: „Ja!“

Du: „Es ist auch schon Mittag – Zeit nach Hause zu gehen. Wir machen leckere bunte Nudeln mit Pesto. Möchtest du laufen oder im Kinderwagen fahren?“

Ella: „Nein, ich will weiterschaukeln!“

Okay. Das ist legitim. Das Kind möchte weiterspielen. Natürlich! Du drückst aus, wie die Situation gerade ist:

„Du hast gerade richtig viel Spaß auf der Schaukel. Du würdest am liebsten noch ganz lange weiterschaukeln.“ (Und du kommunizierst deine Grenze:) „UND wir müssen unsere hungrigen Bäuche füllen. Jetzt ist es Zeit, nach Hause zu gehen.“

Ella: „Nein, ich bleib auf der Schaukel!“

Das war Runde 1 – und du ahnst, so kann es noch einige Runden weitergehen. Das Kind wird hungriger – und wir Eltern frustrierter. 

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Ein bisschen Humor könnte in so einer Situation gut helfen:

Wir könnten z.B. anfangen, spielerisch am Handgelenk des Kindes zu knabbern, es von der Schaukel heben und so tun, als würden wir es ganz hungrig aufessen. Schaffen wir es, das Kind in dieses Spiel hineinzuholen und zum Lachen zu bringen, kann das eine super Brücke für den Übergang zum Nachhauseweg sein.

Aber manchmal haben wir keine Lust auf Spiele – und das ist völlig okay. Und Einlenken ist gerade auch keine Option, denn die Grenze ist für uns nicht verhandelbar. In solchen Fällen bestehen wir weiter auf unsere Grenze. Freundlich und bestimmt. 

Aber zuallererst: Empathie. Versetz dich – ehrlich – in die Lage deines Kindes. Was fühlt es? Was ist sein Wunsch? Drück genau das aus:

Du: „Ella, du liebst es zu schaukeln, oder?“

Ella: „JA!“

Du: „Auch wenn jetzt Mittagspause ist – am liebsten würdest du den ganzen Tag auf der Schaukel bleiben, oder?“ (Wunscherfüllung)

Ella: „JAAA!“

(Es ist kommunikationspsychologisch hilfreich, das Kind in eine „Ja“-Schleife zu bringen – statt sich in einem „NEIN-NEIN-NEIN“-Widerstand zu verfangen.)

„Ich wünschte, das könntest du! Das wäre echt toll, oder?“ (Hier finden wir Zustimmung beim Kind. Du bist auf seiner Seite.)

Und TROTZDEM ist Mittagszeit – und Zeit nach Hause zu gehen.“

Hier versuche ich das Wort „aber“ zu vermeiden, weil es das vorher Gesagte (gefühlt) entwertet. Ich persönlich spüre einen deutlichen Unterschied zwischen:

  • Ich kann dich verstehen, ABER…
  • und: „Ich kann dich verstehen – UND trotzdem…“

(Dieses Detail ist aber nicht entscheidend. Wir müssen nicht jedes Wort umdrehen, denn am Ende zählt deine Haltung hinter deinen Worten.)

Wir bestätigen also die Sichtweise unseres Kindes – und halten unsere Grenze.

Du: „Ella, du darfst entscheiden: Du kannst wie ein Frosch herunterspringen und wir hüpfen zum Wagen oder ich hole dich hier mit dem Kinderwagen ab.“ 

Wir lassen Ella Wahlmöglichkeiten. Das kann ihr helfen, das Gesicht zu wahren und ihr etwas Kontrolle zurückgeben.

Bei elterlichen Grenzen fühlen Kinder sich oft (zu Recht) machtlos.

Das kann manchmal durchaus klappen – aber spielen wir das Beispiel (ganz realistisch) weiter: Ella entscheidet sich für keine dieser Optionen.

Ella: „NEIN!!!“

Du (warm, aber bestimmt): „Ella, ich seh, dass es für dich schwer ist, mit dem Schaukeln aufzuhören. Ich helfe dir jetzt runter und in den Kinderwagen.“

Jetzt gehst du für deine Grenze einen Schritt weiter und übernimmst liebevolle elterliche Führung.

Wichtig dabei ist: Du gibst deinem Kind nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, weil es „nicht gehorcht“. Du erkennst an, dass es in diesem Moment einfach schwer für dein Kind ist, das Schaukeln aufzugeben und zu gehen.

Du nimmst es also von der Schaukel. Und weil dein Kind damit in dem Moment natürlich nicht einverstanden ist, wird es wahrscheinlich anfangen zu protestieren und zu weinen.

Keine Angst vor großen Gefühlen

Nun sind wir in einem Moment, der leicht Stress in uns auslösen kann: Wir stoßen auf Frust und Widerstand unseres Kindes – wegen unserer Grenze.

Ratschläge der alten Schule wären jetzt vielleicht: „Setz das Kind einfach in den Wagen, fahr los. Mach nicht zu viel Drama drum. Lass es weinen, das wird schon klarkommen, das muss es eben lernen. Nicht so viel diskutieren – und bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit.“

Andere Impulse wären vielleicht, das Kind abzulenken: „Guck mal, Ella, da drüben, ein Eichhörnchen! Wie süß!“ Oder: „Alles gut… willst du einen Fruchtriegel?!“

Ja, Ablenkung würde die Situation für den Moment vielleicht einfacher machen. Aber auf lange Sicht – bitte nicht! Und Essen sollte auch nicht als Trostmittel herhalten. (Stichwort: Emotionales Essen.)

Denn welche Botschaften würden wir unserem Kind dann mitgeben?

  • Manche Emotionen sind schlecht.
  • Wir schenken nur dem Aufmerksamkeit, was uns gefällt.
  • Wir tun einfach so, als würden manche Gefühle nicht da sein.
  • Manche Emotionen müssen wir ganz schnell wegwischen!
  • Deine Gefühle sind nicht wichtig.

Uncool.

Wir sind gerade in einer Situation, in der unser Kind mit starken Gefühlen umgehen muss – vielleicht auch einem Gefühlssturm – und unsere Unterstützung (Co-Regulation) braucht.

Was unsere Kinder nun spüren sollen, ist:

Mama und Papa hören mir zu und nehmen mich mit all meinen Gefühlen an – auch wenn sie Grenzen setzen müssen.

Nun zurück zur Situation:

Ella fängt also an zu weinen, während du sie von der Schaukel hebst. Für dich wichtig zu wissen:

Das Weinen bedeutet nicht, dass du etwas falsch machst.

Denn du bist geduldig und einfühlsam und du weißt, du setzt deine Grenze für euer Wohlbefinden. Das Weinen ist der Ausdruck von Frust, Wut oder Trauer deines Kindes darüber, nicht den eigenen Willen zu bekommen. Mit dem Schaukeln aufhören zu müssen und nicht selbst entscheiden zu können, ist für dein Kind frustrierend. Natürlich!

Kinder stehen für ihre Interessen ein. Dass sie das tun, ist gesund und wichtig. – Und das bedeutet eben auch, dass sie mit einigen Grenzen nicht einverstanden sind. Dein Kind agiert in dem Moment nicht gegen dich, sondern für sich.

Wir müssen Grenzen setzen – und unsere Kinder DÜRFEN enttäuscht, wütend, traurig oder frustriert sein.

Was lernen unsere Kinder daraus? Sie bekommen nicht alles, was sie wollen. Und sie erleben, dass ihre Eltern sie verstehen und akzeptieren – egal was passiert.

Du: „Ella, du weinst. Du willst nicht von der Schaukel runter. Ich weiß, dass du am liebsten weiterschaukeln willst – auch wenn du großen Hunger hast. UND es ist Zeit, jetzt nach Hause zu gehen und zu essen. Das ist schwer für dich. Wir setzen uns einen Moment auf diese Bank. Ich tröste dich.“

Blicke von anderen Eltern auf dem Spielplatz dürfen wir gern ausblenden. (Schwierig, I know.)

Denn was wir nicht vergessen dürfen: Das Weinen ist gut und hilfreich für ein Kind mit großen Gefühlen. Oft fühlen wir uns unbehaglich, wenn unsere Kinder weinen. Aber: Kinder dürfen – nein, sie müssen – ihre Gefühle ausdrücken, rauslassen und nicht herunterschlucken. (Das gilt übrigens nicht nur für Kinder.)

Dr. Laura Markham weitet diesen Blick auf das Weinen noch aus: 

Wenn das Kind weint, wir es in den Arm nehmen und ihm Sicherheit geben (statt es in den Wagen zu schnallen und schluchzend nach Hause zu schieben), fängt es vielleicht sogar an, über andere Dinge zu weinen: Über den großen Hund, der es am Morgen angebellt und erschreckt hat. Oder über schroffe Worte von Papa, als er es eilig hatte. Oder wie sehr das Knie gestern nach einem Sturz wehtat – aber die Oma sagte, was für ein großes, tapferes Kind es sei. Bei vielen angestauten Gefühlen neigen Kinder dazu, kleine Kämpfe mit den Eltern anzuzetteln, um sich „entladen“ zu können.

Eine solche Situation kann dafür eine Gelegenheit sein. Deshalb ist es ein großes Geschenk für unser Kind, wenn wir ihm Raum zum Weinen geben, es mit seinen Gefühlen annehmen und es halten.

Wie du dein Kind trösten kannst, liest du hier: Dein Kind weint – Welche Fehler du beim Trösten vermeiden solltest und was deinem Kind wirklich hilft

Ella (von der Schaukel runter) weint:

Du: „Du bist traurig, weil du noch nicht nach Hause gehen möchtest. Ich bin bei dir. Ich halte dich, mein Schatz.“

Wenn Ella wütend ist und sich windet oder wegdreht, ist das auch okay. Dann bleiben wir in der Nähe und mit der Stimme verbunden.

„Ich bin hier. Gleich geht’s dir besser.“

Oder: „Du sagst, du willst in Ruhe gelassen werden. Ich lass dich in Ruhe, das ist okay. Und ich bin hier, wenn du mich brauchst.“

Wir atmen durch, versuchen präsent und entspannt zu bleiben – und wir ignorieren neugierige Blicke von anderen.

Ein Mantra, das mir persönlich in diesen Situationen hilft:

Mein Kind und ich sind ein Team. Wir sind keine Gegner. Wir sind nicht in einem Machtkampf. Wir stehen auf derselben Seite und lernen.

Ist der Gefühlssturm vorübergezogen – und das wird er früher oder später -, wird Ella ruhiger und lässt sich vielleicht in den Arm nehmen. Du beschreibst Ella, was passiert ist, benennst ihre Gefühle und schaffst einen Übergang:

„Du hast geweint. Du warst traurig. Und jetzt fühlst du dich besser. Lass uns nach Hause gehen und leckere Nudeln machen. Möchtest du was trinken, bevor du in den Kinderwagen steigst?“

Höchstwahrscheinlich ist Ellas Bereitschaft, zu kooperieren, jetzt größer. Denn sie hat ihre Spannung durch das Weinen abgebaut und weiß, dass unsere Grenze verbindlich ist.

Wir können Ella den Übergang zum Nachhauseweg leichter machen, indem wir sie liebevoll einladen, sie dann z.B. wie ein Affenbaby Huckepack nehmen und ganz behutsam im gemütlichen Kinderwagen absetzen.

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Unser Kind kann durch Situationen wie diese lernen:

  • Ich kann Enttäuschungen überstehen. (Grundlage für Resilienz)
  • Die Grenzen meiner Eltern sind verbindlich.
  • Ich mag die Grenzen nicht immer und dennoch sind meine Eltern auf meiner Seite. (Grundlage für Selbstdisziplin)
  • Gefühle können reguliert werden. (Grundlage für Selbstregulation)
  • Meinen Eltern ist wichtig, wie ich mich fühle. ICH bin wichtig.

Wir können die Spielplatzsituation natürlich als fordernd, stressig und manchmal auch als kleine Alltagskrise empfinden – und als wertvolle Gelegenheit, diese wichtigen Dinge zu lernen.

In diesem Beispiel ist Ella ein Kleinkind – aber, wie eingangs erwähnt: Dieser Weg passt auch für ältere Kinder.

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In a nutshell, darum geht’s:

  1. Wir sind einfühlsam und versuchen, das Interesse unseres Kindes nachzuvollziehen und zu validieren.
  2. Wir setzen eine klare, freundliche Grenze und versuchen, Wahlmöglichkeiten innerhalb der Grenze aufzuzeigen.
  3. Wir akzeptieren jedes Gefühl unseres Kindes.
  4. Wir begleiten Frust, Tränen und große Gefühle – und halten unsere Grenze.

Es klingt einfach – und ist ein stetiger Übungspfad. Aber er lohnt sich.

Lies passend dazu auch diesen sehr wichtigen Artikel über Empathie: Der magische Schlüssel zu deinem Kind – in allen Lebenslagen

Zum Abschluss meiner Artikelserie zum Thema Kindern Grenzen setzen erzähle ich dir in meinem nächsten Blogartikel eine kleine Geschichte aus meinem Elterndasein. Es geht darin auch ums Grenzen kommunizieren – und wie es auch mal schiefgeht. Melde dich gern für meinen Newsletter an, um keinen neuen Artikel zu verpassen!

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