Wenn Grenzen setzen nicht funktioniert: Eine kleine Geschichte – und 5 Erkenntnisse

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Es war Sommer, 28 Grad. Ich hatte meine Kinder nach dem Mittagessen aus der Kita abgeholt und mir für den Nachmittag einen kleinen Ausflug überlegt. Perfekt bei Sommerwetter. Ich fuhr mit ihnen zur Hauptzentrale eines großen Telekommunikationskonzerns. – Warum? Weil davor ein riesiger Platz mit 30 kleinen Wasserfontänen im Boden ist. 

Du kannst dir sicher vorstellen, wie Kinder das finden.

Wir fuhren mit dem Rad. Auf dem Weg schlummerte meine kleine Tochter im Fahrradanhänger ein. Mein Sohn war schon Feuer und Flamme. Nachdem ich ihn mit UV-Schutz, wassertauglichen Sandalen und Sonnenhut ausgestattet hatte, lief er mit Eimer in der Hand eilig los. 

Ich, etwas geschlaucht von Hitze – und Radfahren mit 30 kg Last, ohne Motor – brauchte erstmal eine Pause. Ich setzte mich auf eine lange Bank in den Schatten. Zeitgleich nahmen neben mir zwei Business-Menschen Platz, um Kaffee zu trinken und Business zu talken. Sie lächelten uns an. 

Es war ja auch ein schöner Anblick: Mein Sohn spielte mit dem Eimer, lief hin und her. Überglücklich, nass und leicht übermütig. Er hielt mit dem Fuß Fontänen zu, hüpfte hoch, spritzte mit dem Wasser. Quiekte.

Meine Tochter schlief gemütlich.

Genau richtig, dachte ich zufrieden.

Dann lief mein Sohn zu mir und leerte den Wassereimer über meinen Schuhen aus. Flatsch. 

Ich fand das so mittelmäßig.

Die Business-Menschen neben mir schauten zu uns herüber. 

Ich sagte zu meinem Sohn: 

„Das macht dir richtig viel Spaß, das seh ich! Ich mag das jetzt aber nicht. Ich möchte trocken bleiben. Schau, deine Schwester schläft und hier sitzen andere Leute. Spiel bitte da drüben! Da kannst du mit dem Wasser spritzen.“

Ja, Worte – ein bisschen wie aus dem Lehrbuch. Empathisch. Ohne Schimpfen. Eine schlüssige Begründung, eine Handlungsalternative.

Sehr gut. Und dann?

Mein Sohn lachte, lief los – und machte weiter. 

Seufz.

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Mit dem nächsten Eimer wurden meine Beine nass. Das Wasser spritze nach links und rechts.

Ich: 

„Stopp! Ich will nicht nass werden! Und die Leute hier auf der Bank auch nicht. Spritz bitte in die andere Richtung, wo keine Menschen sind. Sonst packen wir den Eimer weg.“

Ich überlegte noch, ob ich eine Linie ziehen sollte, wie nah an der Bank er spielen kann – aber mein Sohn rannte schon wieder weg.

Er füllte blitzschnell den Eimer – und leerte ihn aus 4 Metern Entfernung im hohen Bogen in unsere Richtung aus. Dieses Mal bekam meine Tochter eine kleine Dusche. (Sie schlief zum Glück weiter.) Und bevor ich noch etwas sagen konnte, bekam auch ich noch eine Ladung Wasser ab. 

„HEY! STOPP! Du hast doch gehört, was ich gesagt hab!!“

Ich merkte die amüsierten und interessierten Blicke von der Seite. Der Business-Talk war in dem Moment verstummt. 

In meinen Kopf erschien das Bild eines Wet-T-Shirt-Contest.

Na, was wird sie wohl jetzt machen?

Mein Sohn samt Eimer rannte natürlich weg, um das Spiel fortzuführen.

Ich fühlte mich unter Druck.

Ein Teil von mir lachte innerlich los. Die Situation war irgendwie – und besonders rückblickend – ja auch witzig! Das Wasser war bei den Temperaturen erfrischend. Und hey, eigentlich war alles harmlos! Das Kind hatte Spaß! Mach dich mal locker!

Ein anderer Teil von mir hatte keine Lust auf Wasserspiele, war unfassbar genervt. (Klar, meine Grenze wurde ja missachtet.) Dieser Teil fühlte sich nicht ernst genommen, hatte ein bisschen Angst, sein Gesicht zu verlieren und wollte handeln: Das lass ich jetzt so NICHT durchgehen!

Und vielleicht ahnst du es schon: 

Yep. Genau dieser wütende Teil ließ mich im Affekt aufspringen – und wie ein Kind hinter meinem Sohn her rennen.

Mein Ziel? Der Eimer.

Und ich ahnte: Dieser Vorplatz ist gerade wie eine riesige Bühne.

(Die Situation hatte von außen wahrscheinlich durchaus Comedy-Potenzial.)

Eine Mutter, die wie ein begossener Pudel hinter ihrem feixenden Vierjährigen her rannte – als wäre er ein Dieb, der ihre Gutschi-Handtasche geklaut hat. Da fehlte nur noch Gegröle aus der Lachkonserve.

Für mich war es in dem Moment mit meinem Tunnelblick aber nicht lustig. Ich war genervt. Ich bin also von der Bank aufgesprungen und losgesprintet. Und während ich quer über den Platz hinter meinem Sohn her rannte – der natürlich beide Beine in die Hand nahm und es superwitzig fand – meldete sich meine Vernunft zurück und ich fragte mich:

WAS zum Henker mach ich da gerade?!

Und wie genau mach ich jetzt überhaupt weiter? Ich hatte keinen Plan, nur einen Haufen Empörungsenergie in mir. Soll ich jetzt:

  • Stoppen, einfach umdrehen, mich zurück auf die Bank setzen (lächeln und winken), den Überraschungseffekt meines Sprints wirken lassen – und schauen, wann ich die nächste Wasserladung abbekomme?! – Ähm, nee.
  • Das Kind einfangen, den Eimer wegnehmen, schimpfen? – Meine innere Oberlehrerin nickt energisch. Hmpf.
  • Sachen zusammenpacken und den Ausflug beenden? – Am liebsten, ja.

Nun: Ich ging all-in. 

Ich fing ihn ein. 

(Bevor es Aufschreie gibt: Natürlich sanft. Und ja, mit einem Vierjährigen kann ich noch gut mithalten.) 

Und dann riss ich das Ruder herum:

„HALT! Stopp! Hier ist die Wasserspritz-Polizei!“ 

Wie einen großen Baumstamm hielt ich das Kind dann in der Waagerechten und rannte mit ihm weiter – als müsste ich ihn schnellstens in Sicherheit bringen. Improvisationstheater vom Feinsten.

Er fand’s unfassbar lustig. Ich (noch) nicht. Aber für mich war es gut, um: 

  1. Zeit zu gewinnen – und
  2. meine Energie etwas zu herunter zu regulieren.

„An alle Einheiten: Hier ist der Junge mit dem blauen Hut, der die Menschen nass gespritzt hat. JA! PU-DEL-NASS. … Ich hab ihn eingefangen. Er hatte einen Eimer. Den habe ich beschlagnahmt. Die Menschen auf der Bank sind jetzt gerettet. Den Wasserspritzer mit Hut bring ich jetzt auf die Wache. Over and out.“

Mein Sohn kicherte, kreischte und lachte lauthals. Ich drehte noch eine Extrarunde an einer Fontäne vorbei. (Dieses Mal wurde er nass – das konnte ich mir nicht verkneifen.) Wieder ein begeistertes Kreischen. Und ich merkte, wie ich langsam weicher wurde und sogar ein bisschen lächeln konnte.

Dann trug ich ihn zur Bank. Wir setzten uns. Den Eimer behielt ich in der Hand. 

Wir schauten uns an, atmeten durch. Wir lachten. Drei Sekunden Augenkontakt. Ich zwickte ihn in die Seite.

Dann sagte ich – ruhig und wieder als Mama – zu ihm: 

„Bitte ohne irgendwen nass zu spritzen. Okay? Hand drauf?“

Hand drauf.

Mein Sohn lief wieder los. Nach dem Eimer fragte er allerdings nicht. (Zum Glück.) Der blieb beschlagnahmt.

Den Rest des Nachmittags hatten meine Sandalen und Hose Zeit zum Trocknen, ich ein bisschen Pause im Schatten und die Kinder Spaß. Und die Business-Menschen… ist ja auch egal.

Was uns diese Geschichte zeigt

Zugegeben, ich war erleichtert, dass wir auf dieser spielerischen Ebene die Kurve gekriegt haben. Genauso gut hätte es durchaus auch anders laufen können. Who knows, denn:

Es gibt keine Eltern-„Werkzeuge“, Tipps oder Strategien mit Erfolgsgarantie. Es ist wie bei allem im Leben: Trial and Error.

Eine Haltung von „Ich schau einfach mal, was passiert“ und radikale Akzeptanz dafür, dass es immer anders laufen kann als erwartet, helfen uns.

Was wir aus diesem Beispiel aber lernen können, sind 5 Dinge:

  1. Kinder suchen Verbindung – manchmal auch mit Provokationen, die uns auf die Palme bringen. Sie spielen, sie reizen uns und wollen: Verbindung.
  2. Wiederholungen und Vorträge helfen nicht: Es hilft oft nicht, wenn wir auf unsere Kinder einreden und dabei Dinge sagen, die sie entweder schon wissen oder schon mehrmals gesagt haben. Dann geht es um etwas anderes. (Gefühle und unerfüllte Bedürfnisse)
  3. Musterunterbrechung: Ich stand am Eingang einer Schleife von „Hast-du-nicht-gehört-was-ich-gesagt-habe“. Das Fangspiel hatte einen Überraschungseffekt und durchbrach diese frustrierende Schleife – und ich bekam die Aufmerksamkeit meines Kindes.
  4. Spielerisch gelangen wir auf eine andere Ebene: die unserer Kinder. Wir kommen weg von Ermahnungen, Erklärungen und Frust und schaffen Verbindung. Mit Lachen und positiven Gefühlen. Gut für uns und unser Befinden. Plus: Auf dieser Ebene kommen unsere Botschaften meist besser an.
  5. Toben wirkt Wunder: Die Bewegung hat Spannung abgebaut. Bei mir und meinem Kind. Denn Gefühle passieren im Körper – und über den Körper können wir sie sehr wirksam regulieren. Zu den Themen Toben und Selbstregulation gibt es bald extra Blogartikel. Melde dich gern für meinen Newsletter an, um keine neuen Artikel zu verpassen.

Wenn du weitere Beispiele für spielerisches Grenzen setzen brauchst, lies gleich hier: Warum immer so ernst? – 6 Beispiele, wie du spielerisch Grenzen setzt

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