„Ich will das nicht!“ – Wie wir das Selbstbewusstsein unserer Kinder stärken

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Ich bin eine Mutter, deren zweijährige Tochter den ganzen Tag mit roter Erdbeer-Schnute herumläuft, weil sie feuchte Tücher in ihrem Gesicht hasst. Eine Mutter, die schief angeschaut wurde, weil sie ihr Kleinkind immer fragte, ob sie es wickeln darf. Und eine Mutter, die kritisiert wird, weil sie ihren Sohn bei 17 Grad nur in Unterhose im Meer planschen lässt.

Warum? 

Nicht, weil ich Konflikte meide oder zu nachgiebig bin. 

Sondern weil ich das Körpergefühl meiner Kinder respektiere. Ihre Grenzen. Und ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung.

Denn auch wenn viele Dinge an sich klein sind, geht es dabei um große Themen:

  • Eigene Grenzen zu spüren,
  • dem eigenen Gefühl vertrauen zu dürfen,
  • die Sicherheit, über den eigenen Körper entscheiden zu dürfen,
  • einem erwachsenen Menschen gegenüber nein sagen zu können,
  • selbstbewusst für sich einstehen zu können.

Und das fängt bei Erdbeer-Schnuten, ungekämmten Haaren und der Kleiderwahl an – und geht so weit, dass sich das Kind vor Übergriffen durch andere schützen kann.

Und schon sind wir mittendrin.

Wie wir unsere Kinder in ihrem Selbstbewusstsein respektieren und unterstützen

Ich glaube, Menschen kommen mit einem sehr gesunden Körpergefühl, einer starken Verbindung zu sich selbst und einer großen Portion Integrität auf die Welt.

Allzu oft wurde uns das leider „ab-erzogen“ und wir versuchen es im Erwachsenenalter mit Selbsthilferatgebern, Achtsamkeitskursen und Therapien wieder zu erlangen.

Wir wissen nicht, was wir wollen. Wir fühlen uns komisch, wenn wir nein sagen. Und wir latschen immer wieder über unsere eigenen Grenzen – oder lassen zu, dass es andere tun.

Warum lassen wir das natürliche Selbstvertrauen bei unseren Kindern nicht einfach heil?

Dass jeder Mensch das Recht hat, über seinen eigenen Körper zu entscheiden – darüber lässt sich kaum streiten.

Nur: Warum scheint diese Selbstbestimmung über den eigenen Körper für Kinder weniger zu gelten?

Die wenigsten scheint es zu stören, wenn wir 

  • Babys oder Kleinkindern ohne Vorwarnung die Nase putzen, 
  • ohne zu fragen Windeln wechseln, 
  • Zweijährige beim Zähneputzen festhalten 
  • oder der Vierjährigen verbieten, draußen ihre Mütze auszuziehen. 

Die Kinder sollen essen, wenn die Mahlzeit auf dem Tisch steht. Und wenn die Haare zu lang im Gesicht herumhängen, muss ein Haarschnitt her.

Verhalten, das wir Erwachsenen gegenüber als übergriffig empfinden, gilt oft als normal, wenn es bei Kindern passiert.

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Sicher: Unsere Absichten mögen die allerbesten sein. Wir versuchen einfach, unseren Job zu machen – denn wir haben die Verantwortung für das Wohl unserer Kinder.

Aber: Hier liegen sensible Grenzen. Und ein ganz grundlegender Konflikt.

Denn wir wollen einerseits, dass Kinder ein gutes Gefühl für ihren eigenen Körper entwickeln und lernen, sich abzugrenzen, wenn ihnen etwas nicht guttut. (Ganz besonders mit Blick auf die Pubertät und das Erwachsenenalter.)

Doch bei so vielen kleinen Dingen schränken wir sie eben genau darin immer wieder ein.

Das passiert zum Beispiel, wenn wir

  • unsere Kinder überreden, etwas zu essen oder zu probieren, das sie nicht möchten,
  • ihnen verbieten, Kleidung auszuziehen, wenn ihnen zu warm ist (oder sie einfach mal den kalten Wind auf der nackten Haut spüren möchten),
  • sie auffordern, etwas zu tun, bei dem sie zögern
  • oder ihnen ungefragt den Mund abwischen, Creme ins Gesicht schmieren oder sie küssen.
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Lass uns stattdessen lieber sagen:

  • „Du musst nichts essen, wenn du nicht möchtest.“
  • „Wenn du satt bist, hörst du einfach auf zu essen.“
  • „Nur du weißt, ob du Hunger hast oder satt bist. Dein Körper sagt es dir. Du fühlst das dann.“
  • „Wenn dir mit der Jacke zu warm ist, kannst du sie ausziehen. Und wenn du merkst, es wird zu kalt, ziehst du sie einfach wieder an.“
  • „Nur du kannst fühlen, ob dir kalt oder zum warm ist.“
  • „Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, musst du es nicht machen. Dein Körper sagt dir, wenn du bereit bist.“
  • „Darf ich dir den Mund abwischen? Oder möchtest du das selbst machen?“
  • „Darf ich dir ein Küsschen geben?“

Damit lernen unsere Kinder sehr wichtige Dinge:

  • Ich höre auf meinen Körper und entscheide, was ich zu mir nehme.
  • Ich vertraue auf mein Gefühl. Mein Körper gibt mir wichtige Signale.
  • Ich vertraue meinem Gefühl, wenn sich etwas nicht gut anfühlt.
  • Ich entscheide, was mit meinem Körper passiert.
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Die grundlegenden Botschaften sollten also lauten:

Du darfst über deinen eigenen Körper bestimmen. Du hörst auf dein Gefühl. Denn was du fühlst, ist wichtig und richtig. Und du sagst nein, wenn sich etwas für dich falsch anfühlt. Und das ist okay.

Verinnerlichen unsere Kinder diese Botschaften, lernen sie, ihrem Gefühl zu vertrauen.

(Ich würde sogar behaupten, dass Kinder eigentlich mit diesem Vertrauen auf die Welt kommen. Also lassen wir dieses Vertrauen einfach heil und bestärken sie darin – denn Gefühle haben immer eine wichtige Botschaft.)

Stärke das Selbstbewusstsein deines Kindes

Wir wollen also unsere Kinder darin bestärken, auf ihren Körper und auf ihr Gefühl zu hören. Das bedeutet allerdings auch, dass wir ihnen zugestehen, nein zu sagen. Genau dafür sind diese kleinen Situationen im Alltag wichtig.

Denn wenn wir wollen, dass unsere Kinder in unsicheren Situationen für sich einstehen und nein sagen, müssen wir ihnen genau dafür die Gelegenheit geben: bei vertrauten Erwachsenen nein sagen zu dürfen – und die Erfahrung machen, dass ihr Nein respektiert wird.

So lernen sie, 

  • klar und ganz selbstverständlich zu sagen, was für sie gut ist und was nicht – ohne sich dabei unwohl zu fühlen,
  • dass nur sie über ihren eigenen Körper entscheiden dürfen
  • und zu respektieren, wenn jemand „Stopp“ oder „Nein“ sagt.

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind die Basis für die Sicherheit unserer Kinder. Deshalb müssen Kinder zu Hause lernen, nein zu sagen.

Aber wo liegt die Grenze?

Die Entscheidungsmacht über den eigenen Körper hat natürlich Grenzen. Nämlich dann, wenn es um die Gesundheit und Sicherheit unserer Kinder geht. Dann müssen wir als Eltern die Entscheidung treffen – und manchmal auch elterliche Macht ausüben. Ein wichtiges Thema, zu dem es bald einen eigenen Blogartikel geben wird. Melde dich gern für meinen Newsletter an, um ihn nicht zu verpassen!

Dennoch: Selbst hier können wir die Integrität unserer Kinder respektieren und gleichzeitig klar kommunizieren:

„Wir müssen jetzt dieses oder jenes machen, weil XYZ. Wie bekommen wir es hin, dass es für dich einfacher / angenehmer ist?“

Also die Frage:

Was braucht mein Kind, damit es kooperieren kann?

Das kann Unterstützung durch ein Spielzeug oder ein Lied sein. Oder eine bestimmte Art, die unliebsame, aber notwendige Sache spielerisch oder lustig anzugehen.

Bei der täglichen Neurodermitis-Hautpflege z.B. hilft uns oft ein improvisiertes Lied zum Eincremen. Manchmal bemalen wir die Haut mit Creme. Und an anderen Tagen hilft es, das Kind ins Boot zu holen und seine Selbstwirksamkeit anzusprechen:

„Cremst du deine Haut heute wieder selbst ein? – Sehr gut. So hilfst du deiner Haut, damit sie nicht jucken muss. Du kümmerst dich um deinen Körper.“

Es gibt natürlich auch Tage, an denen nichts davon hilft. Dann bleibt es abzuwägen: Wohl deines Kindes vs. Recht auf Selbstbestimmung deines Kindes über den eigenen Körper.

Ist die Sache heute oder in diesem Moment zwingend notwendig – dann heißt es: klare Kommunikation. Bleiben wir bei dem Beispiel:

Deine Haut braucht für die Nacht Pflege. Deshalb müssen wir sie jetzt vor dem Schlafengehen eincremen. Ohne die Creme juckt deine Haut und wird beim Kratzen verletzt. Ich weiß, es nervt dich gerade und du hast da keine Lust drauf. UND wir wollen, dass es deiner Haut gut geht. Cremst du sie selbst ein oder soll ich es turboschnell machen?“

Hier ist es einfach wichtig, dein Kind deine Klarheit und deine respektvolle Haltung spüren zu lassen:

Es ist dein Körper. Ich respektiere das. Gleichzeitig ist dieses kleine Übel notwendig, damit es dir gut geht, und ich helfe dir da durch. Du darfst darüber auch genervt sein, das verstehe ich total.

In anderen Fällen kann es für uns vielleicht auch vertretbar sein, Druck herauszunehmen und die Sache später zu tun oder einen Tag Pause zu machen – why not? Das ist deine und eure Entscheidung.

Wenn du jetzt denkst: „Das ist aber echt anstrengend.“ – dann sag ich: Ja. Ist es. Und darf es auch sein. Denn dein Kind ist ein Mensch mit eigenen Rechten.

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2 Kommentare

  1. Anja Knieh

    Liebe Susanne,
    Dein Artikel ist großartig!
    Und wenn das nächste Mal die Selbstzweifel bei Dir anklingeln: mach einfach nicht die Tür auf!
    Und schreibe den nächsten Artikel!
    Herzliche Grüße
    Anja

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