Du hast dein Kind angeschrien? – So bringst du es wieder in Ordnung!

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Weißt du, was der größte Irrtum in Bezug auf friedvolles Elternsein ist? Zu glauben, friedvolles Elternsein bedeutet, tiefenentspannt zu sein: immer geduldig, verständnisvoll und fair. Und der goldgelbe Heiligenschein sitzt immer perfekt und leuchtet kilometerweit.

Schön wär’s.

Die Wahrheit ist: Konflikte und Streit gehören in jede Beziehung. Und selbst in friedvollen Beziehungen schießen wir mit unserem Verhalten manchmal über das Ziel hinaus. Wir werden getriggert. Emotionen überrollen uns. Wir sind ungeduldig, genervt oder übertreten Grenzen unseres Kindes. Ja, und manchmal werden wir vielleicht auch laut und schreien unser Kind an.

Dann brauchen wir ein wichtiges Werkzeug: Entschuldigungen.

Die geben uns natürlich keinen Freifahrtschein für hemmungsloses Schimpfen und Herumschreien. Und auch nicht die Erlaubnis, die Verantwortung für unsere Gefühle an unsere Kinder abzugeben.  

Nein.

Sie dürfen uns aber daran erinnern, dass wir alle Fehler machen und daraus lernen. Und dass sich Beziehungen reparieren lassen. Mit einer ehrlichen Entschuldigung und dem Versprechen, es beim nächsten Mal besser zu machen. 

Ganz nebenbei lernen Kinder von uns, wie die Sache mit Fehlermachen, Entschuldigen, Wiedergutmachen und Verzeihen läuft.

Wenn du dich also fragst: Wie kann ich mein Kind dazu bringen, sich für bestimmte Dinge zu entschuldigen? Ohne, dass du es zwigst und ohne, dass seine Entschuldigung nur leere Worte sind?

Die einzige Antwort: Sei ein Vorbild für dein Kind und entschuldige dich bei ihm, wenn du einen Fehler gemacht hast.

Aber: Um Verzeihung zu bitten ist nicht ganz so einfach. Denn gern schleichen sich kleine Teufelchen ein, die unsere Entschuldigung zunichte machen. Sie heißen Schuldzuweisungen, Scham und Rechtfertigungen. Sie beenden keinen Streit, sondern läuten eher eine neue Runde ein.

Lass uns in diesem Artikel also mal schauen:

  • Wann eine Entschuldigung bei unserem Kind angebracht ist,
  • wie eine aufrichtige Entschuldigung mit Lerneffekt aussehen kann,
  • welches kleine Wort wir unbedingt in einer Entschuldigung vermeiden sollten.

Starten wir aber mit einer wichtigen Frage:

Verlieren wir durch Entschuldigungen den Respekt unserer Kinder?

Nein. Im Gegenteil.

Entschuldigungen sind ein wichtiger Teil von respektvollen, tiefen Beziehungen.

Wenn wir uns nie bei unseren Kindern entschuldigen, lernen sie:

  • dass Fehler etwas sind, wofür wir uns schämen müssen,
  • dass Entschuldigungen bedeuten, das eigene Gesicht zu verlieren,
  • dass wir Fehler deshalb nicht zugeben und keine Verantwortung übernehmen,
  • dass es okay und normal ist, Beziehungen zu beschädigen und anderen wehzutun.

Wir müssen nicht um jeden Preis Recht haben. Und eine Entschuldigung sägt auch nicht an unserem Status als Eltern. 

Entschuldigen wir uns für Fehltritte ehrlich bei unseren Kindern, lernen sie:

  • Alle machen mal Fehler und wir stehen zu unserem (Fehl-)Verhalten, 
  • wir können Fehler wiedergutmachen und daraus lernen, 
  • Beziehungen lassen sich reparieren, 
  • Entschuldigungen sind ein Zeichen von Respekt für den anderen – und hinterher fühlen sich alle Beteiligten besser.

Wofür ist eine Entschuldigung bei unseren Kindern angebracht?

Hier ist eine Unterscheidung wichtig:

Wir entschuldigen uns nicht für unsere Gefühle.

Denn Gefühle sind legitim und okay. Wofür wir uns entschuldigen, ist unser Verhalten. Also den Umgang mit unseren Gefühlen. Wenn wir unser Kind angeschrien, Grenzen oder Gefühle mit Worten oder unserem Verhalten verletzt haben, ist eine Entschuldigung wichtig.

Was zählt, ist also die Verletzung beim Gegenüber. Bei Kindern bedeutet dies, dass Entschuldigungen manchmal auch bei Dingen angebracht sind, die für uns eine Lappalie sind. Denn nicht unser Maßstab zählt, sondern die Gefühle, die unser Verhalten bei unserem Gegenüber ausgelöst haben.

Also ohne eine Haltung von „Ach, komm, das war doch nicht schlimm“, durchaus mal anerkennen:

  • „Du hast recht, ich hatte dir gesagt, ich würde heute eine Mango mitbringen. Ich hab das beim Einkaufen total vergessen. Das tut mir echt leid! Du bist enttäuscht. Ich weiß, du hattest dir eine Mango gewünscht – und ich hatte sie dir versprochen.“

Keine unnötigen Entschuldigungen

Manchmal finde ich statt einer Entschuldigung aber auch einen Dank angebracht. Wenn wir z.B. mal etwas ungeduldig, unaufmerksam, müde oder kurz genervt waren, ohne dass es unser Kind zu sehr irritiert hat. Dann könnten wir unseren Kinder doch einfach mal danken.

  • Danke, dass du so geduldig mit mir warst. Ich hatte heute keinen guten Tag, ich habe mich XYZ gefühlt (Gefühle beschreiben) und deshalb herumgemosert. Aber ich mach nachher XYZ, damit es mir besser geht (Verantwortung übernehmen und Besserung) – und morgen ist ein neuer Tag.“
  • „Danke, dass du mir heute die Pause geschenkt hast – die habe ich wirklich gebraucht.“

Ich bin generell ein großer Fan von (ehrlicher) Dankbarkeit gegenüber unseren Kindern. Sie ist nährend. Für uns und für unsere Kinder.

Sich entschuldigen und Grenzen setzen – das geht!

Deine Entschuldigung für dein Fehlverhalten bedeutet nicht, dass du keine Grenzen setzen darfst.

  • „Ich war vorhin ziemlich sauer, als du nicht im Bett bleiben wolltest, und habe dich angeschrien. Das tut mir wirklich leid. Du hast es nicht verdient, angeschrien zu werden. Ich werde mich mehr anstrengen, ruhig zu bleiben. UND ich möchte, dass du zur Schlafenszeit im Bett bleibst. Wie können wir es für dich einfacher machen, im Bett zu bleiben und einzuschlafen?“  

Du hast dein Kind angeschrien – wie kann eine aufrichtige Entschuldigung aussehen?

Beruhige dich zuallererst.

Nachdem wir die Fassung verloren und unser Kind angeschrien haben, ist das Wichtigste: Selbstregulation. Komm zurück in einen ruhigen Modus. Nimm dir eine kurze Pause. Atme kurz ein und lange aus. Spann deine Muskeln für ein paar Sekunden an und lass die Anspannung danach los. Was auch immer dir für den Moment guttut und gerade möglich ist. Denn eine Entschuldigung kommt bei deinem Kind nicht an, wenn du noch auf 180 bist.

Beschreibe, was passiert ist.

Ich bin ein großer Fan von Authentizität. Sie schafft Nähe und macht Beziehungen lebendig. 

Wir gehen auf Augenhöhe zu unseren Kindern und beschreiben,

  • was passiert ist,
  • was wir gefühlt haben,
  • wie wir reagiert haben,
  • was daran nicht okay war
  • und dass wir es besser machen wollen.

Dabei wichtig:

Benenne deinen Fehler und erkenne an, wie deine Handlung auf dein Kind gewirkt hat.

  • „Wir waren gerade beide ganz schön sauer, oder? Du hast geschrien. Dann hab ich angefangen zu schreien. Und dann hast du geweint. Es hat dich erschreckt, dass ich so laut geworden bin. Es tut mir leid! Ich hab mich ganz schön aufgeregt. Wütend zu sein ist okay. Aber Schreien nicht. Entschuldige bitte! Ich muss einen besseren Weg finden, mit meiner Wut umzugehen – Schreien kein Weg, etwas zu klären.“

Verantwortung statt Schuldzuweisungen oder Rechtfertigungen.

Hand aufs Herz: Wie oft fangen wir an, uns zu entschuldigen – und rutschen dann doch in eine Schuldzuweisung?

Wir beschuldigen unser Kind: „Entschuldige, dass ich dich angeschrien hab, ABER du hast XYZ gemacht – und das ging gar nicht!“

Ein kleines Wort darfst du für deine Entschuldigung komplett streichen: Aber.

Ein Aber zerbricht deine Entschuldigung und erzeugt innerlichen Widerstand.

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Nicht nur Schuldzuweisungen, sondern auch Rechtfertigungen zerstören jede Entschuldigung: Etwa so:

„Ich hatte einen echt harten Tag. Alles ist schief gelaufen. Ich war am Ende meiner Kräfte. Und die Nacht hab ich auch noch schlecht geschlafen. ALLES muss ich machen… Alles bleibt an MIR kleben! Und dann hast du herumgebrüllt – da KONNTE ich doch nur ausflippen! Du weißt du doch GANZ GENAU, dass mich das nervt!“

Puh. Nein. Besser wäre es so:

„Entschuldige bitte, dass ich dich angeschrien habe. Ich hatte einen harten Tag, war total frustriert und bin von meinen Gefühlen gerade selbst überrollt worden. Es fiel mir schwer, das zu kontrollieren. Ich hätte dich nicht anschreien dürfen. Wenn wir wütend sind, müssen wir versuchen, uns auszudrücken, ohne den anderen anzugreifen. Und Anschreien ist ein Angriff. Es tut mir wirklich Leid.“

„Es tut mir Leid, dass ich dich angeschrien habe. Das war nicht okay. Ich hab gerade wirklich die Fassung verloren – ich hätte es nicht an dir auslassen dürfen. Entschuldige bitte.“

„Ich war frustriert. Manchmal frustrieren mich Dinge (oder: XYZ frustriert mich). Das ist zwar schwierig für mich, aber es ist okay. Aber es ist nicht okay, wenn ich dich anschreie. Es tut mir wirklich Leid!“

Mach einen zweiten Anlauf.

Eine, wie ich finde, schöne Art, sich für Fehltritte direkt zu entschuldigen, ist ein zweiter Anlauf. In etwa so:

„Jetzt war ich gerade so sauer, dass ich dir gar nicht zugehört habe. Entschuldige bitte. Was wolltest du mir sagen?“

„Ich versuch es jetzt nochmal, okay? Ohne zu schreien.“

„Entschuldige, mein Schatz. Ich wollte jetzt gar nicht so genervt antworten. Das war nicht nett von mir. Ich versuch es jetzt nochmal: Also, was ich sagen wollte…“

Damit lebst du deinem Kind vor: Wir machen alle Fehler und geben uns eine zweite Chance, es besser zu machen.

erziehen ohne schreien

Wiedergutmachung

Manchmal ist diese Frage auch ein sehr wichtiger Teil einer Entschuldigung: Was kann ich tun, um das Problem zu beheben?

  • „Morgen auf dem Rückweg von der Kita kaufen wir zusammen eine Mango – und du darfst dir die schönste aussuchen.“

Besserung fürs nächste Mal.

Und auch hierbei kann dein Kind viel lernen: Überlegt zusammen, was du oder ihr das nächste Mal besser machen könntet. Ohne defensiv zu werden:

„Ja, die Abende sind manchmal wirklich anstrengend. Was können wir machen, damit sie für uns einfacher werden?“

„Das nächste Mal, wenn ich so sauer bin, werde ich kurz aus dem Zimmer gehen, um tief Luft zu holen. Das hilft mir, mich zu beruhigen! Damit ich nicht wieder so laut werde wie heute Abend.“

Und das Wichtigste dabei: Halte dich dran.

Wir lieben und wir streiten uns.

„Ich war richtig wütend. Es war für mich gerade hart, dass wir uns gestritten haben. Es war nicht okay, dass ich so laut geworden bin. Das tut mir leid, Schatz… Soll ich dir aber mal was sagen? Streit gibt es immer mal. Überall. Und das ist okay. Und selbst, wenn ich noch so sauer bin, hab ich dich in jedem Moment lieb.“

Dass Liebe und Streit durchaus zusammengehören, verstehen kleine Kinder natürlich noch nicht. Aber ich finde, wir können unseren Kindern nicht oft genug die Gewissheit geben, dass wir sie lieben. No matter what.

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Weg von Schuld und Scham – hin zu einer positiven Fehlerkultur

Klar, Entschuldigungen brauchen Mut. Aber wenn wir von der Scham weggkommen, die auf Fehlern und Entschuldigungen klebt, können wir viel gewinnen:

  • Echte, aufrichtige und lebendige Beziehungen. 
  • Eine positive Fehlerkultur ohne Schuldfragen und Richter.
  • Gegenseitigen Respekt statt Stolz.
  • Und Kinder, die von ihren Eltern lernen, Beziehungen zu schätzen und Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.

Ohne Aber. Ohne ausgestreckten Zeigefinger. Und ohne Heiligenschein.

Zum großen Thema Erziehen ohne Schreien wird es immer wieder Artikel auf meinem Blog geben. Du willst keinen neuen Blogartikel verpassen? Dann melde dich für meinen Newsletter an!

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