Kinder ohne Strafen erziehen – Warum wir auf Strafen verzichten sollten und wie wir Konflikte respektvoll lösen können

kinder erziehen ohne strafen

Über keine Frage habe ich mit befreundeten Eltern und Verwandten mehr diskutiert. Mitunter sehr emotional. Und meist kontrovers:

Kann man Kinder ohne Strafen erziehen? 

Also ohne Hausarrest oder Auszeit allein im Zimmer. Ohne Tablet-Verbot. Ohne Drohungen, Schreien oder knallende Türen. Ohne stille Verachtung. (Die Höchststrafe.) Der geliebte Nachtisch wird nicht gestrichen. Und nein, es geht auch nicht ohne Abendessen um 16:00 Uhr ins Bett.

Dass jegliche Handgreiflichkeiten völlig inakzeptabel sind, darüber sind wir uns hoffentlich alle einig.

Also. Kinder ohne Strafen erziehen? Geht das?! 

Meine Antwort ist glasklar: Ja.

Ich bin zwar in vielen Lebenslagen unentschlossen, aber hier ist meine Meinung sicher. Ohne Wenn und Aber. Ich finde sogar, Strafen für Kinder sind ziemlicher Mist. Die gehören ins letzte Jahrhundert und da sollten sie auch bleiben. Zusammen mit Rohrstöcken und Tamagotchis. Meine Meinung.

Manchmal stehe ich mit dieser Haltung aber allein da.

Und das, obwohl auch die Wissenschaft sagt: Wir können und sollten Kinder nicht bestrafen – sofern wir glückliche, verantwortungsbewusste, respektvolle und ehrliche Kinder haben wollen.

Nur ist der Glaube, Bestrafungen wären ein notwendiges Mittel im Zusammenleben von Menschen, leider tief verankert: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ (Urgh.) Und meine Vermutung ist auch, dass viele Eltern ihre Kinder bestrafen, weil sie schlicht und einfach keine Alternativen dazu kennen. Weil sie selbst mit Strafen aufgewachsen sind. (Wenn es nicht zu Hause war, dann in der Schule…) Strafen sind eben bis heute eine gängige Disziplinierungsmaßnahme.

Ein vertrautes Mittel – und oft ein Mittel der Verzweiflung.

In diesem Artikel verrate ich dir:

  • warum wir auf Strafen lieber komplett verzichten sollten,
  • warum wir lieber Coach statt Richter sein sollten,
  • wie dich ein Eisberg schnell aus deinem Ärger über dein Kind herausholen kann,
  • und wie wir Konflikte respektvoll und einfühlsam lösen können, ohne das Kind zu bestrafen, aber auch ohne „unerwünschtes“ Verhalten durchgehen zu lassen.

Dazu bekommst du am Ende des Artikels noch praktische Beispiele und Cheat Sheets.

Here we go.

6 Gründe, warum du dein Kind nicht bestrafen solltest

Ich stelle mal eine Behauptung in den Raum: Strafen können nicht funktionieren. Warum?

1. Strafen schaden deiner Beziehung zu deinem Kind.

Die Beziehung zu deinem Kind ist das Wertvollste, das ihr habt. Eure Verbindung bestimmt, wie sicher sich dein Kind in dieser Welt fühlt. Wie entspannt euer Alltag verläuft und wie bereit dein Kind ist, mit dir zu kooperieren.

Jedes Mal, wenn wir unser Kind bestrafen – oder Strafen auch nur androhen – beschädigen wir diese Verbindung. 

Ein kleines Gedankenexperiment: Wie würdest du dich fühlen, wenn dein Partner oder deine Partnerin dich erst ausschimpfen und dann bestrafen würde?

Auch dein Zugang zu deinem Kind wird durch Strafen zerstört. Fatal. Denn je älter Kinder werden, desto weniger Einfluss haben wir als Eltern auf sie. Ältere Kinder können sich Bestrafungen immer mehr entziehen – und genau dann verlieren Strafen ihre Kraft. Und wenn dein Einfluss auf Strafen (oder Drohungen) basiert, hast du irgendwann ein Problem. Ein ziemlich dickes sogar.

Einfluss durch eine gute Beziehung ist viel wirkungsvoller. Denn hast du eine starke Verbindung zu deinem Kind, wird es sich gut verhalten wollen. (Was natürlich nicht bedeutet, dass es nie Blödsinn macht oder dich nie „herausfordern“ wird. Das ist nämlich sein Job. Aber das ist noch ein ganz anderes Thema…)

Strafen dagegen helfen Kindern nicht dabei, sich gut verhalten zu wollen. Eher im Gegenteil. Das führt uns zu Punkt 2, denn:

2. Strafen erniedrigen dein Kind.

Wurdest du als Kind von deinen Eltern für unerwünschtes Verhalten bestraft? Kannst du dich noch daran erinnern, wie du dich in den Momenten gefühlt hast?

Wütend? Beschämt? Gedemütigt? Klein? Verletzt? Traurig?

Hast du etwa gedacht: „Hm, ja, es ist schon fair, dass meine Eltern mir mein Spielzeug weggenommen und mich jetzt für den Rest des Tages in mein Zimmer geschickt haben. Ich muss eben lernen, dass [Fehlverhalten XYZ] nicht in Ordnung war. Sie haben ja absolut recht.“ 

Oder hast du dich eher allein, unverstanden und ungerecht behandelt gefühlt? Und dich furchtbar über die Strafe und noch viel mehr über deine Eltern geärgert?

Schlimm genug.

Wem das als Argument für Erziehen ohne Strafen nicht reicht – hier ein kurzer Blick in die Wissenschaft. Es ist erwiesen, dass Strafen und verbale Gewalt dieselbe Wirkung wie Schläge haben: Sie führen zu Verhaltensstörungen und Depressionen. Eine Studie der University of Pittsburgh dazu findest du hier.

kinder erziehen ohne strafen

3. Strafen erzeugen Machtkämpfe.

Wie sich ein Kind fühlt, wenn es bestraft wird, wissen wir also. Und was tun Menschen, die wütend sind und sich ungerecht behandelt fühlen? Sie resignieren. Oder sie begehren auf. Wenn nicht sofort, dann irgendwann.

Wenn du dein Kind bestrafst, spielst du deine Macht als erwachsene Person aus. Und dein Kind fühlt sich – machtlos. Logisch. Deshalb lassen Strafen dein Kind ganz verzweifelt um Selbstbestimmung kämpfen. Anfangs vielleicht nur innerlich. Irgendwann auch äußerlich. Dann wird es ungemütlich. 

Soll heißen: Dein Kind wird sich mit zunehmendem Alter womöglich immer heftiger deinen Strafen widersetzen. Das führt früher oder später zu Machtkämpfen.

Bei Machtkämpfen kann es immer nur Verlierer geben.

Ständige Machtkämpfe erzeugen eine Spirale an Konflikten, Streit und Unzufriedenheit und vergiften das Familienleben.

Genau das wollen wir ja eben nicht.

4. Strafen erzeugen Angst bei Kindern. 

Und zwar die Angst vor dem Entzug der elterlichen Liebe. Denn genau das steht hinter all den Sanktionen und Verboten und ist letztlich die Botschaft, die beim Kind ankommt: Ich werde nicht geliebt, wenn ich XYZ tue.

Und genau die Angst begleitet ein Kind, je öfter es bestraft wird.

Stell dir vor, dein Kind hat einen Fehler gemacht. Möchtest du, dass es zu allererst denkt: „Oh Mist, meine Eltern werden echt sauer auf mich sein!“ Oder soll sein erster Gedanke nicht lieber sein: „Ich geh am besten schnell zu Mama und Papa. Die helfen mir!“

5. Strafen bringen Kinder zum Lügen und fördern egoistisches Verhalten.

Aus der Angst vor einer Strafe entsteht eine sehr egoistische Art zu denken: „Ich werde dieses oder jenes machen (oder nicht machen), damit ich nicht bestraft werde.“

Irgendwie logisch. Ist ja auch unangenehm. Genau so funktionieren Strafen. Dann wird der kleinen Schwester eben an den Haaren gezogen, wenn Mama und Papa gerade nicht hinschauen. Gaaaah! Oder es wird zu einer Lüge gegriffen. Studien zeigen, dass Kinder, die mit einer Strafe rechnen, besonders stark zu Unehrlichkeit neigen.

Bestraft zu werden führt auch nicht notwendigerweise dazu, dass dein Kind über die Folgen seines Verhaltens nachdenkt. Oder darüber, wie sich der andere fühlt. (Das wäre doch das eigentlich Wichtige.) Nein, es lenkt den Fokus auf: die Strafe.

Für mich fühlt sich das nicht stimmig an.

Denken wir auch mal 10 Jahre weiter: Dein Kind, nun Teenager, baut irgendwelchen Mist. Möchtest du, dass es dir dann in die Tasche lügt, weil es Angst vor deiner Standpauke und vielleicht einer Strafe hat? 

Dann wird dein Kind dir gar nichts mehr erzählen – und sich auch gar nichts von dir sagen lassen.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder so viel Vertrauen in mich haben und mir von ihren Eskapaden erzählen werden. (Whuaaaaa…) Und ich möchte vor allem, dass sie reflektiert genug sein werden, selbst zu erkennen, wenn es Mist war, was sie getan haben. Mit ihrem inneren Kompass, sozusagen.

In anderen Worten: Kinder, die nicht bestraft werden, haben keinen Grund zu lügen. Weil sie ganz einfach wissen, dass du sie nicht verurteilst oder bestrafst. Sie sind ehrlich zu dir, weil ihnen ihre Beziehung zu dir viel zu wichtig ist, als dass sie diese durch Lügen beschädigen möchten.

Wenn du mich fragst, ist das genau das, was ich mir wünsche.

6. Erziehung mit Strafen vermittelt falsche Botschaften

Last but not least: In meinen Augen sind Strafen völlig falsch gedacht. Und hier landen wir wieder beim Thema Macht. Strafen sagen im Grunde doch Folgendes:

  • „Es ist okay, anderen Leid zuzufügen, um sich durchzusetzen.“
  • „Drohungen sind angemessen, wenn ich meinen Willen durchsetzen möchte.“ (Das sind die typischen „Wenn… , dann…“-Konstrukte.)
  • „Wer mehr Macht besitzt, gewinnt.“
  • „Ich muss tun, was meine Eltern sagen, weil sie sonst etwas machen, das ich nicht möchte.“

Das sind Botschaften, die Kinder lernen, wenn sie oft bestraft werden. Denn in diesem Fall sind Eltern die wichtigsten Vorbilder für ihre Kinder.

Ehrlich? Schrecklich.

Wünschen wir uns nicht eher, dass unsere Kinder respektvoll denken und handeln? Dass sie bei Auseinandersetzungen mit guten Argumenten überzeugen? Dass sie zuhören und empathisch sind, sobald sie reif dazu sind? Und mit anderen gemeinsam Lösungen finden können und wollen, mit denen alle gut leben können?

Dann sollten wir ihnen genau das in Konfliktsituationen vorleben.

Und was jetzt?!

Spätestens jetzt kommen aber berechtigte Gedanken:

Ein Kind muss doch angemessenes Verhalten lernen! Und alles können wir doch nicht durchgehen lassen?!

Sollten wir auch nicht.

Dennoch: Wir können nicht nach dem Grundsatz handeln: „Du hast etwas Blödes gemacht, deshalb tu ich dir auch etwas Blödes an.“

Auge um Auge, Zahn um Zahn? Dann werden unsere Kinder das irgendwann auch so handhaben. Kurzfristig mögen Strafen wohl manchmal ihren gewünschten Effekt (Anpassung und Ruhe) erzielen. Aber langfristig und mit zunehmendem Alter verfehlen sie ihr Ziel. Sehr weit sogar. 

Natürlich darfst du angemessenes Verhalten von deinem Kind erwarten. Es ist in meinen Augen auch unser Job, unseren Kindern dabei zu helfen, sich sozial angemessen zu verhalten. Dabei verstehe ich ‚angemessen‘ nicht so, dass unsere Kinder als people pleaser anderen alles recht machen müssen. Was ich meine, ist Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse und Gefühle anderer, genauso wie (nicht weniger) auf die eigenen. Eben das Einhalten von notwendigen Regeln des Zusammenlebens. 

Aber wie kommen wir nun ohne Strafen aus?

Bevor wir dazu kommen, wie du dich konkret in Konfliktsituationen verhalten kannst, lass uns erst einmal auf den notwendigen Rahmen schauen, um respektvoll und ohne Strafen zu erziehen.

1. Klare Grenzen setzen

Kinder brauchen Grenzen. Klare, konsistente und nachvollziehbare Grenzen. Kein Wischi-Waschi. Denn das erzeugt nur Unsicherheit. Und sie brauchen dich an ihrer Seite, der sie durch schwierige Situationen führt.

Ich weiß, das Thema Grenzen ist sehr groß. Ich persönlich halte Grenzen für sehr wichtig und denke, es ist (wie bei allem) eine Frage der Haltung. In meinem E-Book Empathisch Grenzen setzen fasse ich im alles Wichtige auf 26 Seiten Cheat Sheets zusammen – also Infografiken, wie du sie von meinem Blog kennst. Hier kannst du das E-Book direkt kaufen.

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Sehr hilfreich dazu auch: meine Artikelserie zum Thema Grenzen setzen.

2. Deine Verbindung zum Kind pflegen und leben

Die Verbindung zwischen dir und deinem Kind ist eure Basis, die ihr durch Strafen lieber nicht beschädigen solltet. Stattdessen sollte ein liebevoller und respektvoller Umgang auf der Tagesordnung stehen.

Was eure Verbindung unfassbar stärkt: Echtes Mitgefühl für dein Kind. Lies dazu unbedingt meinen Artikel „Dein geheimer Schlüssel zu deinem Kind – in jeder Lebenslage.“

3. Ruhig bleiben bzw. deine eigenen Gefühle regulieren

In der ersten Wut greifen wir ja sehr schnell zu uns vertrauten Mitteln. Da hab ich mich im Affekt auch schon mal Strafen androhen gehört. Oh. Weh.

Deshalb sollten wir versuchen, mit unseren eigenen Gefühlen achtsam zu sein und zu reflektieren: „Hm, warum genau regt mich das jetzt eigentlich so auf?!“ Allein diese Frage schafft schon einen kleinen Abstand zwischen dir und deinem Ärger und bringt dich auf eine andere Ebene.

Wir sollten versuchen, uns nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Bzw. üben, schnell wieder zurück zu einem entspannten und vernünftigen Modus zu finden, in dem es uns gelingt, empathisch auf unser Kind einzugehen und konstruktive Lösungen zu finden.

Mein 5-Schritte-Plan könnte dir dabei helfen. ↓

Dieser 5-Schritte-Plan zeigt dir, wie du gelassen, liebevoll und achtsam mit dir und deinem Kind bleibst – in jeder Situation.

4. Perspektive ändern

Für einen respektvollen Umgang mit deinem Kind sind dein Blickwinkel auf dein Kind und deine Einstellung zu seinem Verhalten absolut entscheidend. Umso mehr in Momenten der Wut, wenn du dich über das Verhalten deines Kindes ärgerst.

Bevor du deinem Kind irgendeine blöde Absicht unterstellst, denk daran:

  • Kinder sind keine Tyrannen. Sie sind durch und durch soziale Wesen. Ihre Bindung zu ihren Eltern ist für sie lebenswichtig. Und ihre Absichten sind im Grunde immer gut.
  • Für uns „unerwünschtes“ Verhalten ist in sehr vielen Fällen ein Ausdruck von entwicklungsbedingter Unreife. Gerade bei Kleinkindern. Das Gehirn eines Kleinkindes ist z.B. einfach noch nicht in der Lage, Impulse zu kontrollieren. (Deshalb haut z.B. dein Dreijähriger vielleicht reflexartig die kleine Schwester, wenn sie ihm das Spielzeug wegnimmt.) 
  • Gleiches gilt für die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Also die Perspektive zu wechseln. (Vom Hineinfühlen, also wirklicher Empathie, spreche ich hier noch gar nicht.)
  • Kleinkinder handeln und reagieren fast ausschließlich impulsiv und gefühlsgesteuert, weil dieser überlebensnotwendige Teil des Gehirns (das limbische System) deutlich früher ausgereift ist als der Bereich für Vernunft und rationales Denken.
  • Deshalb können wir Kleinkinder in Stresssituationen auch viel eher auf der Gefühlsebene als über die Vernunft erreichen.
  • Manchmal weiß es dein Kind einfach (noch) nicht besser. Deshalb sollten wir immer mal unsere Erwartungshaltung checken: „Ist es wirklich angemessen, zu erwarten, dass… ?
  • Und in den allermeisten Fällen hat dein Kind für dieses oder jenes Verhalten einen triftigen Grund, den wir anerkennen müssen. Das Ziel oder Motiv waren legitim, nur die Handlung war „unglücklich“ gewählt. (Diese Erfahrung mache ich zur Zeit fast täglich.) Deshalb ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, verstehen zu wollen, warum das Kind X, Y oder Z gemacht hat. Dieses Verständnis bringt dich selbst auf eine andere, einfühlsamere Ebene.
  • In anderen Fällen ist auffälliges Verhalten auch einfach ein Hilferuf. Ein Schrei nach deiner Zuwendung und Aufmerksamkeit. Oder der Hinweis, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt ist.

Es ist immer wichtig und sinnvoll, hinter das Verhalten zu schauen, statt es zu bestrafen.

5. Blick auf das Bedürfnis

Dazu gibt es die bekannten „Slogans“, die an dieser Stelle nicht fehlen dürfen:

  • Jedes Verhalten ist Kommunikation.
  • Und hinter jedem „Fehlverhalten“ steht ein nicht erfülltes Bedürfnis.

Bestrafst du das Verhalten deines Kindes, bewegst du dich nur an der Oberfläche. Wie bei einem Eisberg. Denn jedes Verhalten trägt eine Botschaft, die unter der Oberfläche verborgen ist. Setzt du am Bedürfnis an, wirst du meist schnell einen enormen Unterschied feststellen.

Kinder ohne Strafen erziehen

Sobald sich dein Kind mit seinem Gefühl und Bedürfnis gesehen und akzeptiert fühlt, ist der Weg zu „angemessenem“ Verhalten geebnet. Kindererziehung ohne Strafen ist so definitiv möglich. Sehr gut sogar.

Denn, nochmal: Jedes Gefühl und Bedürfnis ist okay – aber eben nicht jede Handlung. Das wird dein Kind aber nur ohne Strafen wirklich lernen.

6. Sei Coach oder Mediator – und kein Richter

Wenn wir unser Kind nicht für das, was es „angestellt“ hat, verurteilen und bestrafen wollen wie ein Richter, worin besteht unser Job?

Sehen wir uns in solchen Situationen doch lieber als Coach. Dann ist unser Job:

  1. Empathie für die Gefühle unserer Kinder auszudrücken. Denn das, was dein Kind fühlt und denkt, ist legitim – selbst, wenn seine Handlung es nicht war.
  2. Das unerfüllte Bedürfnis unserer Kinder aufzudecken und zu schauen, wie es mit unserer Unterstützung erfüllt werden kann.
  3. Unseren Kindern sinnvolle Handlungsalternativen aufzuzeigen. Ohne zu beschämen oder zu beschuldigen. Möglichst auch ohne wild zu schimpfen. (Ich weiß, Letzteres ist verdammt schwierig. Mit viel Routine ohne Schimpfen werden wir aber besser. Schritt für Schritt. Und unsere Kinder werden es uns danken.) Dazu aber gleich mehr.

7. Sei ein Vorbild für dein Kind

Dieser letzte Tipp gilt immer und in allen Lebenslagen. Du kannst deinem Kind versuchen, dieses oder jenes Verhalten als das „richtige“ zu erklären. Oder dein Kind zu „richtigem“ Verhalten mit Drohungen oder Strafe zu zwingen. Wenn du es selbst aber nicht genau so machst, bringt es: nichts. 

„Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“

Karl Valentin

Wünschen wir uns, dass unsere Kinder satte Drohungen oder Strafen aussprechen, wenn sie auf uns, Geschwister oder Freunde sauer sind? Nee, oder? Also lass uns in Konfliktsituationen lieber einfühlsam und konstruktiv sein.

Empfehlungen Elternratgeber Bücher

Wie du dich konkret verhalten kannst, wenn du ohne Strafen erziehst

Ich bin ja ein Fan von groben „Fahrplänen“. Aber, wie so oft und ganz besonders in diesem Fall, kann ich dir leider nicht den einen goldenen Plan oder „Schema F“ an die Hand geben, das garantiert bei jedem Konflikt und für jede Familie funktioniert. Nope.

Was ich dir aber geben werde, ist ein gut gefüllter Werkzeugkasten. Bei kleineren Situationen braucht es vielleicht nur zwei oder drei „Werkzeuge“. Und bei größeren Konflikten musst du womöglich mehr Schritte anwenden und: mehr Zeit einräumen. Denn Konflikte ohne Strafen zu lösen, braucht Raum und Geduld. Und wie immer ist es eine Sache von Mindset, Übung und Routine. Für dich und für dein Kind.

Praktische Beispiele für Konfliktlösungen ohne Strafen

Aus den Büchern Erziehen ohne Schimpfen* von Nicola Schmidt und How To Talk So Kids Will Listen & Listen So Kids Will Talk* von Adele Faber & Elaine Mazlish (englischsprachig) habe ich hier Tools und Schritte gesammelt, mit deren Hilfe du respektvoll mit deinem Kind Konflikte lösen kannst.

Achtung, Spoiler: Gewaltfreie Kommunikation ist der Schlüssel. (Auch zu diesem Thema wird es hier sehr bald einen Artikel geben. Du möchtest auf dem Laufenden bleiben? Dann klicke hier.)

Denken wir uns dazu in diese Beispielsituation: Dein Kind hat den gesamten Badezimmerboden mit einem Lippenstift bemalt, obwohl du klar gesagt hattest, der Stift soll in der Tasche bleiben. Der Boden ist jetzt mit einem kussechten Schneewittchen-Rot verziert und der Lippenstift ist abgebrochen. Du siehst… rot.

Was kannst du tun? Die nachfolgenden Schritte sind wie Bausteine, die du nutzen kannst. In diesem eher harmlosen Beispiel sind nicht zwingend alle einzelnen Schritte notwendig. Schau in jeder Situation für dich, was passt und dir sinnvoll und notwendig erscheint. So könnte einer von >1.000 möglichen Wegen aussehen:

1. Deine eigenen Gefühle regulieren

Dieser erste Schritt ist aber ein Muss: Die eigenen Gefühle (Wut, Ärger, Frust, Enttäuschung) regulieren.

Stop. Innehalten. Durchatmen. Dass du selbst ruhig und nicht in einem blinden impulsiven Modus bist, ist Grundvoraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit der Situation. Mit meinem 5-Schritte-Plan, den du in meinem ersten Newsletter als Geschenk erhältst, findest du alle Schritte auf einen Blick und hilfreiche Gedanken dazu. Und dann heißt es: Üben. Denn die eigenen Gefühle zu regulieren, ist wie Sport: Technik lernen. Trainieren. Und dranbleiben.

2. Beschreibe, was du siehst.

Meine Erfahrung ist, sobald ich anfange, die Situation (sachlich und wertfrei) zu beschreiben bzw. in Worte zu fassen, tritt etwas Ruhe ein. Bei mir. Und bei meinen Kindern. Das klingt irgendwie einfach. Ist es auch.

Wir gewinnen nicht nur Zeit, sondern kommen auch schnell auf eine konstruktivere Ebene, indem wir erst einmal „sortieren“.

„Okay… Ich sehe, du hast den Boden mit meinem Lippenstift bemalt. Der Fußboden ist ganz rot… Schau mal, der Lippenstift ist dabei abgebrochen.“

Dabei versuchen, nicht zu vorwurfsvoll zu sein, tief durchatmen, wach bleiben und keine Bewertungen abgeben.

Vorsicht, Falle: Manchmal beschreiben wir, was wir eben nicht gesehen haben. Oft stimmt es vielleicht, aber manchmal unterstellen wir unseren Kindern auch schnell mal etwas. Also hier unbedingt auf die Formulierung achten.

3. Auf Gefühle und Bedürfnisse eingehen, ggf. erfragen

Hier heißt es: Perspektivwechsel.

„Du fandest diesen glänzenden Lippenstift toll und wolltest unbedingt damit malen, richtig?“

„Hast du dich gelangweilt, während ich telefoniert habe? Du hattest keine Lust, so lang zu warten, oder?“

Damit fühlt sich dein Kind gesehen. Und durch Empathie schaffst du eine Verbindung zu deinem Kind, die es empfänglicher macht für deine darauffolgenden Worte.

Connection before Correction.

Dr. Laura Markham

4. Benenne deine Gefühle klar und drücke sie aus, ohne dein Kind anzugreifen.

„Weißt du… Es hat mich gerade geärgert, zu sehen, dass der Badezimmerboden rot bemalt und mein Lippenstift jetzt kaputt ist. Schau mal, den kann ich jetzt nicht mehr benutzen.“

Ebenso kannst du natürlich auch andere Gefühle und Gründe dafür haben. Sehr passend sind hier Ich-Botschaften.

5. Drücke deine Erwartungen aus.

„Wenn ich sage, dass ich dir den Lippenstift nicht geben mag, möchte ich, dass du ihn in der Tasche liegen lässt.“

Damit beziehst du dich auf eine Grenze, die du gesetzt hast, drückst sie klar aus und hältst sie. Dein Ton bleibt ruhig, klar und respektvoll.

6. Zeig deinem Kind, dass und wie es Dinge wiedergutmachen kann.

Dahinter steckt eine ganz wichtige Botschaft: Menschen machen Fehler. Und wir können Fehler wiedergutmachen, Dinge reparieren, Probleme bereinigen und klären:

„Was können wir jetzt machen? Erst einmal müssen wir den Boden sauber machen, sonst haben wir die Farbe an den Füßen und beschmieren den Boden in der ganzen Wohnung damit. Du kannst mir dabei helfen.“

„Hm. Und was machen wir jetzt mit meinem Lippenstift?“

Eine erzwungene Entschuldigung ist in meinen Augen nicht hilfreich. Nie. Denn wie ehrlich gemeint (und gefühlt) ist sie, wenn ein Mensch dazu gedrängt wird? Dann bekommen wir nur leere Worte. Lieber plädiere ich für: Vertrauen in unsere Kinder und vorleben, wie wir in passenden Situationen um Verzeihung bitten können. Dann kommen von Herzen gemeinte Entschuldigungen irgendwann von ganz allein.

Deshalb würde ich persönlich in diesem Beispiel auf Entschuldigen nicht eingehen. Stattdessen würde ich meinem Kind die Chance geben, selbst eine Idee für die Wiedergutmachung zu entwickeln, was wir eben jetzt wegen des kaputten Lippenstifts tun können. Vielleicht kommt eine richtig gute Idee oder eine liebevolle Umarmung?

In bestimmten Situationen (nicht immer) bietet es sich auch an, Wahlmöglichkeiten aufzuzeigen. Zum Beispiel so:

„Möchtest du den den Boden mit dem Mopp wischen oder trocknest du ihn dann gleich mit diesem Tuch ab?“

7. Ergreife, wenn nötig, Maßnahmen.

Du könntest z.B. deine Kosmetiktasche künftig in den Schrank außer Reichweite deines Kindes packen, wenn es dir notwendig erscheint.

„Weißt du, warum ich die Tasche in den Schrank gepackt habe?“

8. Zum Schluss: Problemlösung.

Am Ende steht die Problemlösung an. Diese ist so individuell wie du, dein Kind und die Situation.

„Okay, jetzt lass uns mal überlegen: Wie können wir das in Zukunft machen, damit sich niemand ärgern muss?“

Meine Ideen zu unserem Lippenstiftbeispiel, je nach Bedürfnis, Situation und eigenem Empfinden:

„Wenn du Lust auf Malen hast, liegen hier Stifte und Papier für dich.“

„Ich kann dir gern einen meiner alten Lippenstifte geben. Mit dem darfst du auf dieser – und bitte nur auf dieser – Fläche malen.“

„Wenn dir langweilig ist, dann…“

Cheat Sheet: Die Elemente von Erziehung ohne Strafen

Kinder erziehen ohne Strafen wie

Passe dein Vorgehen immer der Situation und den Bedürfnissen deines Kindes an.

Je nach Situation ist auch immer ein anderes Vorgehen mit den oben genannten Schritten möglich und sinnvoll. Dazu noch ein zweites Beispiel aus meinem Alltag:

  • Dein Kind verhält sich den ganzen Nachmittag auffällig, entreißt dem kleinen Geschwisterchen ständig Spielzeuge, ignoriert deine Fragen und hüpft auf dem Sofa herum, obwohl du immer wieder klar gesagt hast, dass du das nicht möchtest.

Hm. Kommt dir so etwas vielleicht bekannt vor?

So findest du deinen Weg zu einer straffreien Konfliktlösung:

  • Du hältst kurz inne, atmest tief durch. Bevor du irgendetwas sagst: Versuche, in einen vernünftigen Modus zu finden und wende dich dann einfühlsam deinem Kind zu.
  • Wechsele die Perspektive. Wie geht es deinem Kind gerade? Vielleicht weißt du, dass dein Kind z.B. gerade mitten in der Eingewöhnung in der neuen Kita steckt und alles andere als ausgeglichen ist. Oder es ist eifersüchtig auf das Geschwisterchen und/oder schlicht und einfach müde und überreizt. So kommst du von Wut oder Genervtheit auf eine Ebene des Verständnisses.
  • Welches Bedürfnis mag dahinter stecken? Braucht dein Kind Sicherheit? Zuwendung? Aufmerksamkeit? Bestärkung? Vielleicht etwas Ruhe?
  • Dann leiste emotionale Erste-Hilfe: Beschreibe, was du siehst. Sortiere und moderiere die Situation. Erkenne Gefühle deines Kindes. Kümmere dich dann um das Bedürfnis. Den besten Zugang zu deinem Kind bekommst du in solchen Situationen auf der Gefühls- und Bedürfnisebene. Stichwort: Connection.
  • Für die „Lektion“ bzw. ein Gespräch über deine Gefühle, Erwartungen und Grenzen ist später womöglich ein besserer Zeitpunkt, wenn dein Kind entspannt ist.

Ein sehr hilfreiches praktisches Beispiel, wie ein Konflikt ohne Strafe ausgetragen werden kann, findest du hier beim Schweizer Elternmagazin „Fritz und Fränzi“. Darin wird Schritt für Schritt gezeigt, wie ein Gespräch mit einem Schulkind aussehen könnte.

Gewaltfreie Konfliktlösung ist der intelligente und liebevolle Weg.

Zugegeben: Das friedvolle Lösen von Konflikten ist nicht immer ein einfacher Weg, aber definitiv ein Weg, der

  • deine Beziehung zu deinem Kind und sein Vertrauen in dich nachhaltig stärkt,
  • deinem Kind respektvolle und konstruktive Wege der Konfliktlösung nahebringt,
  • Verständnis für unterschiedliche Bedürfnisse und Gefühle auf allen Seiten fördert,
  • das Selbstwertgefühl deines Kindes schützt,
  • dein Kind dabei unterstützt, Empathie zu entwickeln,
  • für eine angstfreie, fried- und verständnisvolle Atmosphäre innerhalb deiner Familie sorgt.

Und genau deshalb jede Mühe wert.

„Die Qualität von Eltern bemisst sich nicht nach den Regeln, die sie ihren Kindern vorgeben, sondern nach der Art ihrer Reaktion, wenn diese Regeln gebrochen werden.

Jesper Juul

Du möchtest dich noch intensiver mit dem Thema Erziehung ohne Strafen beschäftigen?

Buchtipps

Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung* von Alfie Kohn.

Dieses Buch hat mich sehr geprägt – deshalb einer meiner wärmsten Buchtipps. Darin findest du auch einen sehr umfassenden Index an Studien und Forschungsergebnissen, die die Ansicht unterstützen, dass Strafen bitte-bitte-bitte nicht unser Mittel der Wahl sein sollten.

e-book kindred grenzen setzen

Empathisch Grenzen setzen. Dein Mini-Guide als E-Booklet. Mit welcher Haltung setzen wir Kindern Grenzen? Wie erkennen wir sinnvolle Grenzen? Wie kommunizieren wir Grenzen wertschätzend und klar? Und was tun, wenn das Kind protestiert? – Dieses E-Booklet gibt dir die wichtigsten Antworten und Denkanstöße zum Thema Grenzen setzen. Formulierungshilfen, Gedankenstupser und Wissen aus verschiedenen (beziehungsorientierten) Elternratgebern, komprimiert auf 26 Seiten im Cheat Sheet-Stil. Mit Infografiken, wie du sie aus meinen Blogartikeln kennst. Du kannst das E-Book hier direkt kaufen. (Eigenwerbung)

Auch sehr empfehlenswert und hilfreich ist das Dossier zum Thema Erziehen ohne Strafe vom Schweizer Elternmagazin „Fritz und Fränzi“. Darin gehen sie u.a. auf die häufigsten Einwände gegen den Verzicht auf Strafen ein, ebenso wie auf die wichtige Frage, ob Konsequenzen nicht auch eine Alternative zu Strafen sind. Absolut lesenswert.

Hast du in deinem Umfeld auch schon diskutiert, ob Kindererziehung ohne Strafen möglich ist? Wie siehst du das? Und welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Schreib mir dazu gern einen Kommentar.

Werbehinweis: Ich versehe Affiliate-Links mit einem Sternchen (*). Wenn du über diesen Link kaufst, erhalte ich eine kleine Provision von Amazon. Der Preis bleibt für dich gleich. Du unterstützt damit ohne Mehraufwand und ohne Mehrkosten meine Arbeit für A Peaceful Mom. Vielen lieben Dank!

P.S.: Eine kleine Off-Topic-Anmerkung: Ich nutze in diesem Text immer wieder das Wort „erziehen“. Aus rein praktischen Gründen: Denn ich möchte, dass mein Artikel gefunden wird. Und „erziehen“ ist nun einmal das Wort, nach dem die meisten Eltern spontan suchen.

Ich persönlich nutze diesen Begriff überhaupt nicht. Denn ich glaube an Be-ziehung statt Erziehung. Für mein Gefühl macht der Ausdruck „Ich erziehe mein Kind“ das Kind zu einem Objekt. Mein Kind ist aber ein Mensch. Und ebenso ein Wesen, das in unserer Beziehung handelt und lernt. Genauso wie ich auch. Wir lernen gemeinsam.

Zugegeben: Was bestimmte Wortwahlen angeht, bin ich etwas empfindlich. (Unwörter wie „Trotzanfall“, „Schreikind“ oder „Fremdbetreuung“ gehören nämlich auch auf meine Blacklist.) Ich weiß, viele andere Eltern sehen das Wort entspannt – und das ist okay!

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12 Kommentare

  1. Katharina

    Puuuh, ich finde diese Art der Erziehung schwierig. Denn in der realen Welt hat Fehlverhalten Konsequenzen. Und wenn bewusst gesetzte Grenzen überschritten und Absprachen nicht eingehalten werden, was macht man dann? Also wir haben unseren Teenager und der guckt wie weit er gehen kann. Und ohne Konsequenzen für Fehlverhalten funktioniert das leider nicht, denn er nutzt das schamlos aus wenn er „ungestraft“ davon kommt.

    • Hej Katharina! Lieben Dank für deine Gedanken! Ich kann Skepsis bei diesem Thema absolut nachvollziehen, denn mit genau dieser Haltung sind die meisten von uns aufgewachsen: „Strafe muss sein. Da müssen wir einen Riegel vorschieben, sonst macht das Kind, was es will“. Mir sind diese Sätze auch vertraut.

      Natürlich gibt es Regeln, Gesetze, Grenzen, natürliche Konsequenzen und unangenehme Gefühle, die durch Verhalten ausgelöst werden. Ich bin aber davon überzeugt: Wirklicher Respekt für Grenzen und Absprachen entsteht nicht aus Angst vor Strafen, sondern auf der Basis einer respektvollen Beziehung. Und die erfordert einen wohlwollenden Blick auf beide Seiten: Was brauche ich? Und was brauchst du? Und wie gehen wir damit um?

      Wie fühlt sich euer Teenager? Was braucht er? Und warum könnte er sich so verhalten?

      Das bedeutet natürlich nicht, dass wir alle Grenzen auflösen oder auf Regeln verzichten müssen. Nein, die sind notwendig. An einigen Stellen verhandelbar, an anderen nicht. Aber darum geht es nicht. Es geht hier um unsere Haltung und wie wir unseren Kindern begegnen, wenn Regeln eben nicht eingehalten werden.

      Ich denke, Strafen sind da vielmehr ein Problem und keine Lösung.

      Liebe Grüße
      Susanne

    • Daniela

      Ich habe letztens gelesen, dass Kinder ihre Eltern nicht mehr ernst nehmen. Wenn die Eltern ihre Kinder nicht mehr führen. In der Natur hat jedes Verhalten ernste Konsequenzen, das müssen die Jungtiere von ihren Eltern lernen. Ich finde den Ansatz gut, dass man nicht bestrafen muss/soll. Aber es kommt immer auf das Kind und die Situation an. Wenn Grenzen und Regeln immer wieder überschritten und gebrochen werden, muss man bestrafen, um authentisch zu bleiben. Theorie ist immer schön und gut, aber konkrete Hilfe für den praktischen Alltag liefert sie leider nicht. In der Schule lernt man leider auch nichts…über Kindererziehung. 🙂

      • Susanne

        Hej Daniela!
        Stimmt, von den wirklich wichtigen Dingen lernen wir in der Schule leider viel zu wenig. 😉

        Ja, den Aspekt Führung durch Eltern finde ich hier auch wichtig. Da mach ich mal ein Gedankenexperiment: Wie sieht für mich gutes Führungsverhalten in einem Unternehmen aus? Brauche ich Sanktionen bzw. Strafen, damit ich mich an Absprachen halte, meine Arbeit zuverlässig und ohne Fehler mache? Was würden Strafen mit mir machen? Was für eine Beziehung ist mit der Führungsperson möglich, wenn diese mit Strafen arbeitet? Was für eine Fehlerkultur wünsche ich mir? Lerne ich aus Fehlern nur, wenn ich bestraft werde? Nehme ich meine Vorgesetzten nur ernst, wenn sie mit Sanktionen arbeiten? Muss eine Führungsperson jemanden bestrafen, um authentisch zu sein?

        Und wenn ich beim Beispiel Arbeitsverhältnis bleibe: Ich persönlich wünsche mir eine Führungsperson, die mich fragt, warum ich z.B. meine Arbeit wieder nicht pünktlich geschafft habe. Die sich dafür interessiert, wie es mir geht, ob etwas schief gelaufen ist und was ich brauche. Vielleicht bin ich überfordert oder habe Probleme. Vielleicht funktionieren meine Arbeitsmittel nicht. Oder es gab andere noch wichtigere Aufgaben, die auch dringend erledigt werden mussten. Vielleicht habe ich auch einfach Fehler gemacht, nicht nachgedacht oder es geht mir einfach aus irgendwelchen Gründen nicht gut.

        Und klar gibt es „logische Konsequenzen“, wenn ich meine Arbeit nicht schaffe. Das hat dann vielleicht Auswirkungen auf das Unternehmen, vielleicht sind dann Kunden verärgert oder die Arbeit in meinem Team wird verzögert und mir ist es unangenehm. Aber bräuchte es hier dann wirklich noch eine künstliche Strafe von der Führungsperson?

  2. Margarete

    Liebe Susanne,

    ich bin im Grunde auch deiner Meinung und bemühe mich sehr in Beziehung mit meinen Kindern zu bleiben. Allerdings muss ich dir in einem widersprechen. Punkt 4: Benenne deine Gefühle klar…, wenn ich meinem Kind meine Gefühle nur benenne, dann kann es sie nicht spüren und drmnach wird es mich auch nicht ernst nehmen. Ich bin der Überzeugung, dass es einfach nur menschlich ist zu schreien und zu fluchen und sich auch mal lautstark zu ärgern. Unsere Kinder dürfen auch erfahren, dass wir uns mal aufregen. Wir sind keine Roboter, die immer nur ein Lächeln auf den Lippen haben.
    Also ja, Situation möglichst ruhig beschreiben aber dann auch mit authentischen Emotionen die eigenen Gefühle deutlich machen.
    Den übrigen Gesprächsverlauf finde ich gut, jedoch würde mein knapp fünfjähriger mir solange wohl gar nicht zuhören können. Dazu ist er viel zu verträumt. Ich merke dann, dass er schnell abschaltet, wenn ich ihm versuche etwas zu erklären. Hast du vielleicht einen Tipp, wie man die Aufmerksamkeit wieder auf sich lenken kann?

    • Hej liebe Margarete! Danke für deine Zeilen! 🙂 Ja, dieses Bild vom eisern lächelnden Roboter trifft es wirklich sehr gut – das soll natürlich nicht der Weg sein. Im Gegenteil: Ich halte es sogar für schädlich, wenn wir nicht authentisch sind. Und da sind wir beim Thema: Für mich bedeutet Authentizität nicht, meine Emotionen immer ungehalten auszudrücken und direkt zu handeln, also loszuschimpfen, zu schreien, zu fluchen. Davor würde ich immer einen kurzen Stopp-Moment plus Durchatmen einbauen, um präsent bleiben zu können – und nicht im Kampfmodus zu landen. Denn wenn wir in den Fluss von Wut, Frust oder Ärger reinspringen, laufen wir Gefahr, dass wir übers Ziel hinausschießen. Dass wir angreifend, verletzend oder gefühlskalt werden und die Vernunft aussetzt. Dieser Stress hilft uns bei der Klärung von Konflikten meist leider sehr wenig. Hilfreicher finde ich persönlich es, über die eigenen Emotionen zu sprechen, wenn sie „abgekühlt“ sind. Dabei geht es mir nicht darum, irgendetwas zu verstecken, sondern „bewusst“ mit unseren Gefühlen umzugehen und zusammen zu lernen.

      Dennoch: Ich finde es absolut normal und nicht verwerflich oder schlimm, wenn wir unseren Kindern Wut & Co. auch mal direkt zeigen, solang niemand Schaden nimmt und wir die Verantwortung übernehmen. Das Elternsein ist sehr fordernd – und wir sind eben keine Roboter, an denen alles abprallt. Zum Glück. 🙂

      Was Gespräche angeht: Die Aufmerksamkeit ist ja von Tag zu Tag, Kind zu Kind, Phase zu Phase immer verschieden. Ich glaube, das Timing, der Rahmen und unsere Haltung sind entscheidend. Es braucht Ruhe und wenig Ablenkung durch Spielmöglichkeiten. (Zum Beispiel beim Essen oder im Bett vor dem Einschlafen – mit positivem Abschluss.) Auch wichtig ist die Art, wie wir ins Gespräch kommen. Wenn ich anfange, meinem inzwischen Fünfjährigen einen Vortrag zu halten (passiert mir ab und zu, hoppla), schaltet er natürlich ab. Wer wird schon gern belehrt?! 😀 Ich versuche immer, ihn einzubeziehen, und zuerst nach seinen Gedanken zu fragen. Manchmal mach ich auch einen liebevollen Witz über Mama, die mit dem Fuß gestampft oder die Tür geknallt hat (passiert mir manchmal im Stress 😉 ) – und schwupps, hab ich seine Aufmerksamkeit. Dann sprechen wir über Wut und was dazu geführt hat und wie ich es anders machen könnte. Für mich geht es ganz viel um Nahbarkeit. Ansonsten versuch ich es nach dem KISS-Prinzip zu halten: Keep it short & simple. Manchmal klappt es super, manchmal nicht – und meistens irgendwo dazwischen. 🙂

      Danke für deine Gedanken!

      Liebe Grüße
      Susanne

      • Margarete

        Danke Susanne,

        für deine Ergänzung. Das macht es stimmiger für mich. Und du hast Recht. In der Wut werden wir verletzend. Da muss ich wirklich noch an mir arbeiten. Wenn es mir passiert, dass ich über das Ziel hinausschieße, entschuldige ich mich sofort und erkläre auch was da gerade passiert ist. Ich habe leider, wie die meisten von uns, nie gelernt richtig mit Wut umzugehen. Es ist sehr schwer aus seinen Mustern auszubrechen, aber ich bleibe dran. Denn die Beziehung zu meinen Kindern ist das Wichtigste für mich.
        Vielen Dank für deine tollen Artikel, ich werde jetzt öfters mal rein schauen.
        Liebe Grüße
        Margarete

        • Danke, Margarete, und gern! Das klingt doch sehr gut. Ja, die Wut ist irgendwie das schwarze Schaf unter den Gefühlen. Ich glaube, so geht es wirklich vielen – und da schließe ich mich ein. Bei niemandem läuft immer alles harmonisch. Ich frage mich manchmal, ob es vielleicht ein guter Weg wäre, wenn wir weniger versuchen, „an uns zu arbeiten“, und wir uns stattdessen daran erinnern, dass wir mit uns selbst sanft und mitfühlend sein dürfen, wenn es mal blöd läuft. So, wie wir es für unsere Kinder und für eine*n gute*n Freund*in sind. <3

  3. Ein wunderbarer Artikel!
    Klar und simpel erklärt. Danke!
    Für mich als Pädagogin spiegelt es genau meine eigene Haltung. Erziehung ohne Strafen funktioniert tatsächlich! Und tatsächlich ist es garnicht so schwer. Wenn man das Kind als berreits vollkommenes Wesen ansieht, welchem bloß die Erfahrung und die Kenntnis von der Welt fehlt. Und deshalb müssen wir als Erwachsene authentisch-liebevoll unseren Kindern ein Vorbild sein, in allem was wir tun♡
    Vielen Dank für diesen Artikel!

    • Danke für deine Gedanken, Inna! <3 "...vollkommenes Wesen (...), welchem bloß die Erfahrung und Kenntnis von der Welt fehlt." - Exakt das. Ist diese wohlwollende Haltung mit Verzicht auf Strafen unter Pädagog*innen weit verbreitet oder sogar Konsens? Wie ist da deine Wahrnehmung?

  4. Sehr toller Artikel!!!
    Dies ist in der heutigen Zeit und der Erziehung unserer Kinder sehr aktuell.
    Es ist schlimm zu sehen,wie Eltern immer unsicherer und unklarer werden, gegenüber ihren Kindern! Das hat fatale Folgen!
    Hauptsächlich für die Kinder!!!
    Es ist sehr schwer,die Erziehung,vor allem mit der innigen,emotionalen Bindung zu unseren eigenen Kindern.
    Auch mit der eigenen Prägung/Erfahrung aus den eigenen,damaligen Methoden der Erziehung…
    Vielleicht wäre doch eine Art „Erziehungskurs“ für werdende Eltern eine sinnvolle überlegung, um einen groben Überblick von Kinderentwicklung und deren Verhaltensweisen zu schaffen! Das gäbe evtl eine notwendige, grundlegende Sicherheit…

    • Lieben Dank für deine Zeilen, Anja! Genau, ich glaube auch, dass Eltern zwei Perspektiven brauchen: Ein Bewusstsein über die eigene Prägung. (Die zeigt sich uns meist nach und nach.) Und Wissen über die Entwicklung und Bedürfnisse von Kindern, damit wir realistische Erwartungen haben und mit bestimmten Situationen oder Verhaltensweisen entspannter umgehen können. Und obendrauf braucht es – so ging es zumindest mir – konkrete Handlungsalternativen: Wenn man beispielsweise sagt, „ich will mein Kind nicht bestrafen“ – okay, wie genau kann es dann anders aussehen? Denn die meisten von uns sind ja durchaus mit Strafen aufgewachsen. Ja, das Elternsein ist wirklich eine Lernreise…

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