„Wie berechnend kann ein Kleinkind sein?“ – 7 Fragen an eine Kleinkindexpertin

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„Warte nur, bis die Trotzphase kommt.“ Ein Spruch, der wie eine Drohung klingt. Gemeint ist natürlich die gefürchtete Autonomiephase bei Kleinkindern. Sie verlangt uns an manchen Tagen emotional alles ab. Und ist die Willenskraft deines Kindes stark, kann es mitunter auch sehr anstrengend werden.

(Glaub mir, ich kenn das.)

Aber: Die Autonomiephase ist auch eine der wichtigsten Entwicklungsphasen eines Menschen. Denn in deinem Kind wächst der Wunsch, als eigenständiger Mensch gesehen und behandelt zu werden. Und genau das fordert es nun mehr und mehr ein.

Das geht natürlich nicht immer reibungslos. Und weil es rund um die „Trotzphase“ von Kleinkindern noch immer viele hartnäckige Missverständnisse gibt, stehen wir dann oft ratlos irgendwo zwischen:

  • dem Wunsch, unser Kind gut durch diese prägende Zeit zu begleiten,
  • Frust bei der Auseinandersetzung mit einem Kleinkind und dessen Wünschen,
  • Zweifeln, ob das wirklich Trotz oder nicht doch pure Überforderung bei unserem Kind ist
  • und Kommentaren wie: „Pass auf, sonst macht dein Kleinkind mit dir, was es will!“

Was hilft?

Zuallererst: Wissen. Denn um gut durch die Autonomiephase zu kommen, müssen wir verstehen, was in Kleinkindern vorgeht.

Genau dafür hab ich eine Expertin interviewt: Annika Hering ist Elternberaterin, Spezialistin für frühkindliche Entwicklung (M.A.), Podcasterin und eine liebe Blogger-Kollegin von Deine Familienbande – die ebenso wie ich die Fahnen für achtsames, respektvolles Elternsein hochhält. 

Also, Vorhang auf für Annika. Starten wir direkt:

„Kleinkinder wollen ihre Grenzen austesten.“ Wir hören es ja ständig. Wieviel Wahrheit ist da aus deiner Sicht dran?

Annika: „Ich finde, da ist ganz viel dran! Wir alle wollen uns reiben und überprüfen, woran wir sind. Wir Menschen brauchen Resonanz vom Gegenüber – und das ist erstmal gar nichts Schlechtes. Wir müssen dem nur den faden Beigeschmack nehmen, dass Kleinkinder das absichtlich machen, nur um uns zu ärgern. Da ist nämlich genau gar nichts dran.“

Ganz grob: Was genau passiert denn bei einem Kind in der Autonomiephase?

Annika: „Gar nicht leicht, das in wenige Worte zu packen. In der Autonomiephase beginnen Kinder, ihr Ich-Bewusstsein zu entwickeln. 

Die ersten Lebensjahre verbringen sie ja in einer sehr engen (Ver-)Bindung mit ihren Bindungspersonen. Die geben ihnen Sicherheit, Liebe und Geborgenheit. Und dieses Fundament hilft nun dabei, dass sich Kleinkinder aufmachen, die große weite Welt auf ihre ganz eigene Art zu entdecken. Dabei schauen sie zur Sicherheit immer mal wieder zurück: Ist Mama oder Papa noch da? Werde ich gesehen?

Die Autonomiephase hängt ganz eng auch mit der Bindungsentwicklung zusammen: Nur wenn unser Kind ein sicheres Fundament hat – also sicher gebunden ist – kann es seine unsichtbare Nabelschnur verlängern und beginnen, die Welt zu erkunden. Es beginnt also, selbstständig (autonom) zu werden.“

Damit meinst du diese Balance zwischen Halt und Freiheit, richtig?

Annika: „Genau! Und immer wieder stoßen die Kleinen dabei auf Herausforderungen. Manche Sachen können sie einfach noch nicht so, wie sie wollen. Das kann der berühmte Reißverschluss an der doofen Jacke sein.

Und manche Dinge sind unveränderlich und schmerzen daher ganz besonders:

„Der Keks ist zerbrochen. Das Glas von der falschen Seite eingefüllt worden. Oder der Löffel hat die falsche Farbe. Auch wenn uns Erwachsenen vieles belanglos vorkommt – bei kleinen Kindern kann das richtigen Weltschmerz auslösen. Der ist real.“

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In den Jahren der Autonomieentwicklung lernen Kinder, mit solchen Frustrationen umzugehen. Sie lernen, Gefühle wie Wut, Hilflosigkeit und Trauer zu bewältigen und zu integrieren. 

Und dafür brauchen sie uns als Begleiter: Wir helfen ihnen durch diesen Sturm hindurch. Wir geben ihnen die Worte dafür. Denn auch das ist ein häufiger Grund für Wutanfälle: Das Kind weiß genau, was es will. Aber ihm fehlen die passenden Worte dazu.

Manchmal gibt es nämlich ein Ungleichgewicht in den Entwicklungsbereichen, die sich nach und nach ausgleichen. So haben Kinder z.B. häufig ein gutes Sprachverständnis, aber es hapert dann manchmal noch an der Sprachproduktion. Oder Kinder können kognitiv bereits einige Zusammenhänge erfassen, aber sind emotional einfach noch nicht in der Lage, damit umzugehen.

Ein großes Problem ist, dass Eltern bzw. Erwachsene oft dazu neigen, Kinder kognitiv zu überschätzen.“

Wie genau meinst du das? 

Annika: „Naja, wir überschätzen unsere Kinder, wenn wir ihnen z.B. unterstellen, sie würden mit Absicht „bocken“ oder uns manipulieren wollen. Denn das würde ja voraussetzen, dass Kleinkinder bereits fähig sind, sich vorzustellen, was im Gegenüber vorgeht – und was das eigene Verhalten beim Gegenüber auslösen könnte. Das können Kinder allerdings meist erst ab einem Alter von ca. 4 Jahren.

Dieses Bild vom „bockigen Kind“ ist bei vielen von uns leider ganz tief verankert. Es wurde über Generationen weitergetragen und wird erst jetzt hinterfragt und neu gedacht. Es ist einfach wichtig, zu verstehen, dass ein „bockiges Kind“ keine böse Absichten hat, sondern Unterstützung und Verbindung braucht.“ 

Oft ist es ja auch Streitpunkt zwischen Eltern oder mit Verwandten, wie berechnend ein Kleinkind sein kann. Ist das eines der größten Missverständnisse in Bezug auf die Autonomiephase?

Annika: „Auf jeden Fall! Diese Vermutung „Dein Kind will dich nur ärgern oder trickst dich doch aus“ ist einfach falsch. Eben weil Kleinkinder sich noch nicht in jemand anderen hineinversetzen können. 

Und nachdem sie das gelernt haben – also sich in jemanden hineinzuversetzen – folgt darauf der zweite Schritt: Zu verknüpfen, dass die eigene Handlung diese Wirkung beim Gegenüber hat. Es ist also das eine, zu verstehen, wie es dem Menschen geht, der da z.B. weint. Aber es ist nochmal was völlig anderes, dann auch noch zu verstehen, was genau das Weinen ausgelöst hat.“

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Gibt es noch andere „Fehler“, die Eltern von Kleinkindern besonders häufig machen?

Annika: „Die Kinder brauchen häufig viel mehr Sicherheit und emotionale Unterstützung als wir denken. Denn gerade, wenn Kinder zum Beispiel sprachlich schon sehr weit sind und sich sehr gut ausdrücken können, vermutet man nicht, dass sie in anderen Bereichen definitiv noch mehr Unterstützung benötigen.

Wir überschätzen Kinder kognitiv und unterschätzen die Wichtigkeit, sie in ihrer emotionalen Entwicklung zu begleiten.

Es gibt z.B. Eltern, die es sehr gut meinen und ganz viel tun, um dem Kind bei der emotionalen Entwicklung, also dem Kennenlernen der eigenen Gefühlswelt, zu helfen. Sie bieten dann ganz viele Wahlmöglichkeiten an, wenn das Kind einen Gefühlssturm hat: „Möchtest du dies? Oder das? Oder vielleicht auch das hier? Aber wir können auch das oder das machen!“ – Das ist meist viel zu viel für das Kind. Das verwirrt und überfordert es einfach. Was ein Kind in solchen Momenten braucht, sind Orientierung und liebevolle Führung durch uns.“

Wie sieht diese liebevolle Führung aus?

Annika: „Liebevolle Führung und Orientierung bedeuten für mich, trotzdem bei der Entscheidung zu bleiben, die ich getroffen habe und meinem Kind dabei zu helfen, etwas Unveränderliches zu überstehen. Trotz großer Gefühle. Das bedeutet auch, die Gefühle des Kindes vorher wirklich anzuerkennen. Ganz konkret könnte das so aussehen:

„Ich sehe, dass du traurig und zornig bist, weil wir jetzt aus der Kita nach Hause gehen und du eigentlich noch spielen wolltest. Das kann ich verstehen, da wäre ich auch echt sauer. Gleichzeitig möchte ich jetzt mit dir nach Hause gehen, weil wir jetzt zu Abend essen müssen.“

Eine typische herausfordernde Situation im Alltag mit Kleinkindern ist die Bettgehzeit. Die Zähne sind geputzt. Die Gute-Nacht-Geschichte gelesen. Und „plötzlich“ kommt der Hunger um die Ecke. Oder das Kind muss unbedingt noch ein Buch anschauen, nochmal ins Bad, dann etwas trinken. Da kommen bei vielen Eltern Zweifel: Will unser Kind die Bettgehzeit hinauszögern? Testet es seine Grenzen? Oder will es uns kontrollieren? – Was genau ist da los?

Annika: Bei diesem Beispiel ist das Kind ganz bei sich und seinen Bedürfnissen. Gerade letztens erst habe ich mit einer Klientin darüber gesprochen. Denn ihr Sohn wollte plötzlich – als Schlafenszeit war und er schon im Bett lag – unbedingt ein Toastbrot. Obwohl es das dort zu Hause gar nicht gibt. Sie, die Mama, wollte aber, dass er nun schläft. Denn auch Eltern brauchen ja mal Feierabend. Darauf folgte ein riesiger Gefühlssturm mit allen Facetten: Tränen, Geschrei, „du blöde Kacka-Mama!“. So oder ähnlich kennen das ja viele Eltern. 

Wir haben die Situation dann mal zusammen ganz detailliert aufgedröselt. Dabei kamen wir zu dem Schluss, dass hinter dem Toastbrot ein ganz anderes Bedürfnis stand. Also kein Hunger. Sondern das Bedürfnis nach Nähe! Das Kind wollte schlicht und einfach nicht, dass der schöne Tag endet und brauchte noch „Versorgung“. Mama sollte sich – wortwörtlich – kümmern. Es gibt halt nicht nur den Hunger nach Nahrung, sondern auch nach Nähe. In diesem Fall stand das Toastbrot stellvertretend für: „Ich möchte, dass du dich um mich kümmerst und mich versorgst. Das gibt mir Geborgenheit und Sicherheit“. 

Dieses Beispiel kommt in total vielen Familien vor: Das Kind liegt eigentlich schon im Bett und will dann noch was essen, kurz mal auf Klo, das Licht soll an, wieder aus… Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und in allen Fällen sagen die Kinder: „Hey, Mama, Papa, ich brauche euch und eure Nähe noch. – Und nicht: Ich will die Bettgehzeit hinauszögern, weil ich euch ärgern und den Feierabend klauen will.“

Wir müssen uns also immer fragen: Welches Bedürfnis ist gerade unbefriedigt? (Und zwar bei allen Beteiligten – denn die Bedürfnisse der Eltern nach Ruhe am Abend haben genauso ihre Daseinsberechtigung!) Und beim Kind ist es ganz oft eben nicht – wie in diesem Beispiel – das Toastbrot.

Ein anderes Beispiel, das wir alle kennen: Unser Kind wirft Sachen auf den Boden. Wir bitten es, die Sachen aufzuheben – und unser Kind ignoriert uns und läuft weg. Es geht um Kooperation im Alltag auf die eine oder andere Art. Aber unser Kind hat andere Pläne. Was rätst du Eltern hier? 

Annika: „Ich stelle mir in solchen Situationen häufig die Frage: Wann lohnt es sich, sich auf diese Situation einzulassen? Und wann ist es besser – zur Schonung der eigenen Ressourcen – dem Kind auch mal Sachen „durchgehen“ zu lassen? Dann geht es halt mal ohne Jacke oder Schuhe aus dem Haus. Und wir nehmen sie mit, für alle Fälle.

Eltern verlieren ihre „Autorität“ nicht, wenn sie flexibel sind.“ 

Das kann ich bestätigen: „Wähle deine Konflikte mit Bedacht.“ 

Annika: „Ja, und ansonsten hilft es mir immer ganz klassisch, mich in das Kind einzufühlen und das zu verbalisieren. Häufig lässt sich so gemeinsam mit dem Kind eine Lösung finden, wenn das Kind spürt: „Meine Pläne werden auch gesehen und sind auch wichtig.“ Dann kann es sich viel eher auf eine Kooperation einlassen.“ 

Ja, ganz wichtig! Ich mach auch immer wieder die Erfahrung: Es ist oft viel wichtiger, dass sich mein Kind gesehen fühlt, als dass es seinen Willen bekommt. 

Annika: „Genau.“

Zum Abschluss eine schnelle Frage: Was sind deine drei besten Tipps für die Autonomiephase?

Annika: 

  1. Ruhe bewahren: Wenn sich ein Wutanfall anbahnt, dann spür in dich rein: Kann ich das gerade begleiten? Was brauche ich, um feinfühlig auf mein Kind zu reagieren? Im Zweifel, wenn du total gestresst bist, dann klinke dich kurz bewusst aus der Situation aus, um dann ruhiger reagieren zu können. 
  2. Immer vor Augen führen: Meine Pläne und Bedürfnisse sind nicht wichtiger als die des Kindes! Auch wir Erwachsenen müssen „nicht immer unseren Willen durchsetzen“.
  3. Humor hilft (manchmal auch erst im Nachhinein) über viele stressige Situationen hinweg. 

Danke, liebe Annika, für diese vielen hilfreichen Infos und Tipps!

Mein wichtigstes Learning aus meinem Gespräch mit Annika: So kompetent so manches Kleinkind sprachlich und/oder in anderen Fähigkeiten auftreten mag, dürfen wir nicht vergessen: Es ist ein Kleinkind.

Ein hochemotionales Wesen, das noch lernen darf:

  • Impulse zu kontrollieren,
  • Gefühle selbst zu regulieren,
  • mit Frustration umzugehen,
  • sich in andere Menschen hineinzuversetzen,
  • die Folgen des eigenen Handelns zu erkennen
  • und Bedürfnisse in die richtigen Worte zu packen.

Und genau dabei brauchen ein Kind unsere Unterstützung.

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Weil die Autonomiephase für eine gesunde Entwicklung so wichtig – und für uns Eltern dermaßen fordernd – ist, bin ich ein großer Fan von Wissen, Selbstreflexion und Unterstützung. Deshalb hier meine wärmsten Empfehlungen:

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Ein Standardwerk für Eltern, die den bedürfnis- und beziehungsorientierten Weg wählen. Mit Hintergrundwissen zur kindlichen Entwicklung und Bindungsforschung. Mit vielen Beispielen aus dem Alltag mit Kleinkindern. Einfach und unterhaltsam zu lesen. Uneingeschränkte Lese-Empfehlung von mir.

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