„Mein Kind macht mich immer so wütend!“ – Wie dich ein Blick hinter deine Wut gelassener machen kann

wütend auf kind

Wenn wir wütend sind, ist es sehr verlockend zu denken: „Wenn mein Kind besser kooperiert… nicht mehr streitet… durchschläft… weniger Gefühlsstürme hat… auf mich hört… dann geht’s mir viel besser! Dann habe ich keinen Grund, wütend zu sein. Und alles ist einfacher.“

Aber ist das wirklich so?

Leider nein.

Viel zu oft schauen wir in „Erziehungsfragen“ nur auf das Verhalten unserer Kinder: Wie schaffe ich es, dass mein Kind dieses oder jenes macht – oder eben auch lässt? 

Ich denke: Ganz so einfach ist es nicht. Die meisten tollen Eltern-Tipps werden auf kurz oder lang nicht helfen, wenn wir zu einer Sache nicht bereit sind: 

Uns ehrlich mit uns selbst auseinanderzusetzen.

  • Unsere eigene Prägung verstehen.
  • Unsere eigenen Gefühle und Reaktionen bewusst machen.
  • Unser Gedankengut und unser Verhalten reflektieren.
  • Unsere wunden Punkte kennen.

Und vor allem: Nicht immer alles glauben, was wir denken. 

Denn viel zu oft sind wir unseren unbewussten Denk- und Verhaltensmustern ahnungslos ausgeliefert. Und da beginnt das Drama.

Lass uns in diesem Artikel deshalb mal einen genauen Blick hinter ein Gefühl schauen, das sich durch unsere Gedanken gern selbst hochschaukelt: Wut.

Erst meine. Dann deine. 

Okay? 

Cool.

Disclaimer: In diesem Artikel geht es um Gedankenmuster aus alten Verletzungen, die ich in den Grundzügen an einem persönlichen Beispiel aus meinem Alltag verdeutlichen werde. Damit möchte ich dich inspirieren, deine Gedanken und Reaktionen zu hinterfragen. Wenn du spürst, die Auseinandersetzung mit deiner Wut und anderen Gefühlen belastet dich zu sehr, dann möchte ich dich dazu ermutigen, dir professionelle Unterstützung zu nehmen, mit der du dich deinen Themen in einem sicheren Rahmen zuwenden kannst. Intensive Arbeit mit einem stark verletzten inneren Kind sollte nicht im Alleingang, sondern nur mit professioneller Begleitung angegangen werden.

Wann warst du das letzte Mal wütend auf dein Kind?

Neulich habe ich die Doku The Wisdom of Trauma gesehen. Ein sehr sehenswerter Film, der dafür plädiert, einen Blick auf die seelischen Verletzungen eines Menschen zu werfen, statt Symptome (destruktives Verhalten und Denken) zu bekämpfen – so wie es in unserer Kultur leider üblich ist.

Long story short: Eine Filmszene blieb mir ganz besonders im Kopf: Ein Gespräch zwischen dem Mediziner Dr. Gabor Maté und dem weltbekannten Autor und Podcaster Tim Ferris. Es ging um Wut und Ärger über andere Menschen. 

Eine kleine Übung.

In nur vier Minuten und mit ein paar einfachen Fragen führt Gabor Maté seinem Gesprächspartner vor Augen, wie sehr alter Schmerz unsere Gefühlswelt steuert. Er zeigt auch einen Weg, wie wir die Altlasten in unserem Denken entlarven können.

(Wenn dich das Gespräch aus dem Film interessiert, findest du es ungekürzt in englischer Sprache hier auf YouTube.)

Die Übung mit den Fragen aus diesem Gespräch mache ich jetzt mal selbst. Dafür teile ich mit dir eine kleine Situation aus meinem Alltag, in der mein Kind ziemlich unbequeme Gefühle in mir losgetreten hat. (Nicht zum ersten Mal.) 

Okay, Tür auf: Hier ein kleiner Ausschnitt aus meinem Seelenleben.

Ein Blick hinter die Wut

Erste Frage aus dem Film: Denk an eine Situation, in der du kürzlich wütend auf dein Kind oder einen anderen Menschen warst. Was ist passiert?

Meine Antwort: Ich hatte einen anstrengenden Nachmittag. Mit meinen zwei Kindern habe ich einen Ausflug gemacht – mit dem Fahrrad samt Anhänger. Auf dem Rückweg waren wir noch kurz einkaufen. Zu Hause angekommen war mein Kleinkind sehr müde und wollte die Treppen hochgetragen werden. Mein Rucksack, Einkaufstaschen und sämtliches anderes Zeug wollten ebenso in die zweite Etage befördert werden.

Ich bat mein älteres Kind ganz freundlich, seinen Rucksack und seine Jacke hochzutragen. Mein Kind hat sich geweigert, obwohl es gesehen hat, dass ich vollbepackt war. Und wissend, dass ich dann ein zweites Mal heruntergehen muss, um alle Sachen in die Wohnung zu bekommen.

Wie hast du emotional reagiert?

Ich war erst genervt. Als ich ein zweites Mal um Hilfe bat und wieder ein klares und direktes ‚Nein‘ bekam, wurde ich wütend.

Ich stand im dunklen Hausflur. Und in meinen Kopf schossen Gedanken wie: „Alles muss ich selber machen! Es ist ihm und allen anderen scheißegal, wie ich mich fühle und dass ich gerade echt am Anschlag bin.“

Hast du noch etwas anderes als Ärger gefühlt?

Ich habe mich allein gefühlt. Im Stich gelassen. Nicht gesehen. Traurig.

Warum warst du wütend und traurig?

Ich hatte das Gefühl, ich wäre der Fußabtreter für alle – nach dem Motto: „Die macht das schon. Mit IHR kann man es ja machen!“ Ich ärgerte mich über die Situation, über mein Kind – und über mich.

Kannst du dir andere mögliche Gründe vorstellen, warum dein Kind so gehandelt hat?

  • Vielleicht – oder ganz sicher – war mein Kind müde von einem langen Tag mit Kita und Ausflug. 
  • Es musste dringend aufs Klo und wollte unbepackt schneller oben sein. 
  • Es hatte einfach keine Lust, war nur (wie sonst auch) ehrlich und hat sich abgegrenzt. 
  • Mein Kind weiß, dass sein Nein durchaus respektiert wird.

Von all diesen Möglichkeiten – welcher Grund ist der schlimmste?

Ganz klar: Der Fußabtreter

War es das erste Mal in deinem Leben, dass du dich so gefühlt hast wie in dieser Situation und dieselben Gedanken hattest?

Nein, absolut nicht. Schon recht oft.

Dazu sagt Gabor Maté (frei übersetzt):

„Wir reagieren und antworten nicht darauf, was passiert ist. Wir antworten auf unsere Wahrnehmung von dem, was passiert ist.“

Unsere Interpretation also.

„Oder, wie Buddha sagte: Es ist unser Geist, der unsere Welt erschafft.“

Diese Annahme ist in den Sozialwissenschaften übrigens auch anerkannt (Nerd Alert: Erkenntnistheorie, Konstruktivismus):

„Jeder Mensch konstruiert sich seine Wirklichkeit.“

Paul Watzlawick

Sie ist das Ergebnis von unseren Erfahrungen, unserer (selektiven) Aufmerksamkeit und subjektiven Wahrnehmung und Interpretationen. Gedankenmustern. Unserer Kultur. Unserer Sozialisation. Denn es ist unsere Prägung, durch deren Brille wir die Welt betrachten.

Es gibt also nicht die eine Wirklichkeit. Sondern so viele Wirklichkeiten, wie es Menschen auf diesem Planeten gibt. (Da liegt eine Menge Konfliktpotenzial – aber das ist noch ein anderes Thema.)

Aber zurück zur Situation:

Von allen möglichen Interpretationen habe ich in dem Moment also die schlimmste gewählt: Den Fußabtreter. 

Nur habe ich nicht bewusst entschieden, sondern mein Gehirn ist automatisch zu dieser Interpretation gekommen. 

Warum?

Nicht nur, weil unser Steinzeitgehirn darauf programmiert ist, sich auf Negatives, Probleme und potenzielle Gefahren zu fokussieren. (Überleben und so.)

Sondern auch – und vor allem: Weil mir dieser Gedanke vertraut ist.

Es war nicht das erste Mal, dass ich mich überfordert, im Stich gelassen gefühlt und an den Fußabtreter gedacht habe. Es ist ein Gedankenmuster, das mich schon länger begleitet. Und unser Gehirn – ein ausgefuchster Energiesparer – reagiert bei Müdigkeit oder Stress am liebsten mit automatisierten Mustern.

Dazu sagt Maté über solche Reaktionen:

„Wir reagieren nicht auf den gegenwärtigen Moment. Wir reagieren und antworten auf die Vergangenheit. Und meist liegen die Wurzeln unserer Interpretationen in der Kindheit.“

Das Verhalten meines Kindes hat mich also dazu gebracht, meinem alten Gedankenmuster zu glauben: „Ich werde nicht gehört. Es ist allen anderen egal, was ich möchte. Trallala… Fußabtreter!“

Ich stand im dunklen Treppenhaus, war getriggert – und sah die Situation durch die Augen meines „Inneren Kindes“, das sich nicht gesehen fühlt.

(Anmerkung: Jeder Mensch trägt bestimmte Wunden in sich. Viele davon sind, meines Verständnisses nach, schlicht und einfach Folgen alter Vorstellungen von Erziehung.)

wütend auf kind erziehen ohne schreien

Okay, und was passiert in dem Moment, in dem ich mich für den Fußabtreter der Nation halte und darauf reagiere?

Ich mache ich mich zu einem Opfer.

Ja. Ich. – Nicht mein Gegenüber!

Denn in dieser Situation bin ich Opfer meiner eigenen Gedanken. Schlicht und einfach, weil ein Teil von mir sie glaubt.

wütend auf Kind Gedanken hinterfragen

Das bedeutet nicht, dass die Belastung, die ich in solchen Momenten empfinde, nicht real ist. Meine Erschöpfung ist real. Mein Frust darüber ist real. Genauso wie mein Bedürfnis, gesehen und unterstützt zu werden.

Nur die Interpretation vom Fußabtreter, die in meinen Gedanken auftaucht, ist es nicht. Sie ist eine Geschichte, die ich mir selbst erzähle.

Dazu sagte ein Freund (Psychotherapeut von Beruf) übrigens mal zu mir:

Gedanken sind auch nur Vorschläge.

Zum Schluss stellt Maté eine sehr wichtige Frage, die mich nachdenklich gemacht hat:

Was wäre, wenn du dich für den liebenswertesten, respektabelsten, wertvollsten Menschen der Welt halten würdest. – Hättest du die Situation [mit deinem Kind] genauso interpretiert?

Wohl kaum.

Wenn ich mir vor Augen führe, dass die Quelle aller Interpretationen in mir liegt, fühle ich mich nicht mehr machtlos. Sondern mache Platz für andere Sichtweisen.

An diesem Punkt geht es um Reframing. Also die Frage: Welche Bedeutung schreibe ich bestimmten Dingen oder Verhaltensweisen zu? 

Ich kann also entweder wütend auf mein Kind sein und denken:

„Whoa, wie rücksichtslos – aber mit MIR kann man es ja machen. Allen Menschen auf der Welt ist es EGAL, wie es mir geht! Und ich mach anscheinend sowieso alles falsch!“

(Hier bin ich ein wütendes, ohnmächtiges Opfer. Oder ein Kind, das die Verantwortung abgeben möchte.)

Oder ich kann meine Gefühle (Wut, Traurigkeit) wahrnehmen und akzeptieren, mein jüngeres Ich in meiner Vorstellung umarmen – und dann denken:

„Okay, mein Kind kann oder möchte gerade einfach nicht helfen. Es hat seine Gründe dafür. Es ist okay, dass ich mich frustriert und traurig fühle, wenn jemand meine Bitte ablehnt, mir zu helfen. Und für diesen Moment finde ich eine andere Lösung.“

(Hier übernehme ich Verantwortung und suche nach Lösungen.)

Natürlich kann ich später mit meinem Kind über die Situation, den Konflikt – also seine Bedürfnisse und meine – und das Thema Hilfsbereitschaft reden. Keine Frage. Aber um diesen Aspekt geht es hier nicht.

Wie habe ich in der Situation mit meinem Kind tatsächlich reagiert?

Ich nutze oft Reframing und musste in besagter Situation an die Filmszene mit Maté denken. Zunächst habe ich zu meinem Kind nichts gesagt, meine Wut (körperlich) wahrgenommen und meine Gedanken beobachtet. 

wütend auf kind wie reagieren

Ja, in Triggermomenten reagiere ich nicht sofort. Ich drücke meinen inneren Stopp-Knopf, atme tief durch, denn oft braucht es keine sofortige Reaktion. (Schon gar nicht, wenn sie impulsiv in die falsche Richtung läuft.) Dann trete ich innerlich einen Schritt zurück, fühle, was zu fühlen ist, und höre erstmal meinen Gedanken neugierig zu.

„Okay, wow… das trifft mich gerade an einem wunden Punkt und ich fühl mich echt allein gelassen. Wie ein Fußabtreter. – Okay. Und ich fühle mich wütend. Wütend auf mein Kind, auf die Umstände und auf mich. Ich könnte gerade schreien und weinen. – Es ist okay, dass ich mich so fühle!“ 

Akzeptanz. Und Empathie für mich selbst. (Genau so, wie ich es immer mit meinem Kind versuche.) Dorthin zu kommen, ist ein Lernprozess. Und es gelingt mir auch nicht immer. Denn Achtsamkeit ist kein Zustand, sondern eine Übungspraxis. (Und ich bin kein Buddha.)

Sehr leicht hätte diese Situation zu Frust und Streit führen können, wenn ich meine Gefühle laut schimpfend an meinem Kind losgelassen hätte.

Das Ende vom Lied war:

Ich habe das Nein akzeptiert und mein älteres Kind ist mit leeren Händen hoch gelaufen. Hochgetragen habe ich dann erstmal nur mein müdes Kleinkind plus Rucksack – ohne mich selbst zu überfordern. 

Nach einer Stunde Pause habe ich einen neuen Anlauf gestartet. (Für mich, sofern möglich, oft eine gute Lösung: Loslassen, kurze Pause, Druck raus, dann nochmal versuchen.)

Und ja, dann halfen mir sogar beide Kinder. Ohne Überzeugungsarbeit. Einfach so.

Und sie lebten glücklich und zufrieden. Ohne Fußabtreter. 

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Raus aus der Opferhaltung

Ganz egal, wie die Situation ausgegangen wäre – ich denke, es lohnt sich immer, bei Wutmomenten genauer hinzuschauen: die eigenen Gedanken zu hinterfragen und zu wissen, dass bestimmte Interpretationen alte Muster aus unserer Vergangenheit sind.

Geschichten, die wir uns seit Kindertagen selbst erzählen. Immer und immer wieder. Und die wir in den verschiedensten Situationen bestätigt sehen – und damit am Leben halten. Ob vom Lieblingsmenschen, im Job oder von den eigenen Kindern.

Denn: Sind meine Interpretationen wirklich wahr?

  • Bin ich ein Fußabtreter, weil mein Kind seine Sachen nicht hochtragen möchte?
  • Ist es wirklich allen Menschen egal, wie es mir geht?
  • Ist mein Kind dafür verantwortlich, dass ich mich unterstützt, gesehen und wertgeschätzt fühle?

Verstehe ich den Ursprung meiner Gedanken, gewinne ich zwei Dinge:

  1. Verständnis für meine Gefühle – vielleicht sogar Selbstmitgefühl. Das macht mich sanfter und entspannter. Es schafft Distanz zu meiner Wut und macht den Weg zur Empathie für mein Kind frei.
  2. Kontrolle über meine Reaktion – denn dann verliere ich mich nicht im Strudel meiner alten Interpretationen und Denkmuster. Sondern kann viel eher so reagieren, wie ich es bewusst möchte, ohne mich hinterher für unfaire Reaktionen entschuldigen zu müssen.

Den Trost für den Teil in mir, der sich nicht gesehen fühlt und wütend ist (inneres Kind), – den gebe ich mir selbst:

„Ja, du fühlst dich nicht gesehen. Ja, das war sehr unangenehm. Ich fühle deine Enttäuschung, deine Wut und deine Traurigkeit. Ich weiß, du fühlst dich gerade einsam. Ich sehe dich. Und ich weiß, dass dir zum Weinen zumute ist. Das ist okay. Du bist okay. Lass uns mal schauen: Was würde dir jetzt guttun?“ 

Und jetzt du: Wann warst du das letzte Mal wütend auf dein Kind? Welche Geschichten erzählst du dir immer wieder über dich?

wütend auf kind Reflexionsfragen

Möchtest du mehr über Glaubenssätze und Reframing erfahren? Dann schreib es mir gern!

Lesetipps

  • Wenn dich die Themen Inneres Kind, alte Wunden, Gedankenmuster und Selbstbeobachtung interessieren, kann ich dir den Blog und Podcast von Traumatherapeutin Verena König sehr ans Herz legen. Hier z.B. der Beitrag: Welche Version von dir möchtest du sein?

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Anstoß der Gedankengänge! Ich habe mich in letzter Zeit öfter daran erinnert nicht gleich zu reagieren und zu sehen wie mein Sohn sich wohl grad fühlt (da er noch nicht spricht) und er ist mindestens so wütend/verzweifelt wie ich (und mit Wut wäre es sicher eskaliert).

    • Danke dir! Es ist mir eine große Freude, Gedanken anzustoßen. 🙂 Ich kenne diese Momente auch, wenn große Gefühle des Kindes manchmal schwer auszuhalten sind. Da ist es eine große Leistung, dem Impuls zu widerstehen und eben nicht zu reagieren, wenn wir getriggert sind. Sondern versuchen, bei uns zu bleiben und uns selbst zu regulieren. – Klingt einfach, ist aber mitunter harte (emotionale) Arbeit und viel Übung. Deshalb: Chapeau. <3

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