Wild, brav, schüchtern, klug – Warum Labels Kinder einschränken

warum Labels und Zuschreibungen Kinder einschränken

Im Englischen gibt es den knackigen Satz „Labeling is disabling“ – was frei übersetzt so viel heißt wie „Etikettierungen schränken ein“. Was genau bedeutet das?

Mit Etikettieren sind Zuschreibungen gemeint, die wir verwenden, um das Wesen und den Charakter eines Menschen zu beschreiben: „Er ist wild. Sie ist ziemlich clever. Er ist ein ganz Lieber. Sie ist eine schlechte Esserin.“

Schublade auf. Schublade zu. Als Kind wurde ich z.B. immer als „die Ruhige“ bezeichnet,  brav und unauffällig, ein kleines Sensibelchen, hilfsbereit und unsportlich. Yay. Doch ich war und bin so viel mehr als das.

Jedes Adjektiv, das wir für Beschreibungen von Personen verwenden, ist wie ein Etikett. Ein Label. Ein Stempel. Oder eben eine Schublade. 

Können sich unsere Kinder damit frei entfalten? (Lass die Frage einfach mal kurz wirken…)

Nun lässt sich natürlich einwenden, dass es doch im Grunde alltäglich und normal ist, dass Menschen und damit auch Kindern Merkmale zugeordnet werden. Das erleichtert die Orientierung in einer komplizierten Welt. Jeder von uns wurde schon oft gelabelt und jeder von uns hat auch schon andere Menschen mit Zuschreibungen versehen. 

Was ist so schlimm an Labels?

Hm. Wo soll ich anfangen?

Etiketten kleben. Man kann sie meist nicht spurlos entfernen. Und sie tragen nur sehr spärliche Informationen über den Inhalt des Pakets. Oder eben über den Menschen.

Aber der Reihe nach:

1. Zuschreibungen beeinflussen Kinder und schränken sie in ihrem Denken und Handeln ein.

Besonders auf Kinder haben Etiketten eine starke und oft nachhaltige Wirkung. Du kannst dich sicher auch noch daran erinnern, wie du als Kind charakterisiert wurdest, oder?

Die Probleme von Labels beginnen, wenn sie unbedacht und immer wieder erfolgen. Und seien wir ehrlich: Die meisten Menschen denken vorher nicht lang darüber nach, wenn sie Aussagen über Kinder treffen und ihr Verhalten kommentieren. Gern wird auch mal pauschalisiert. Selbst, wenn es gar nicht beabsichtigt ist. Vielleicht aber auch in bester Absicht.

Und die Kinder? Die halten ihnen zugeschriebene Labels für wahr und lassen sie schnell zu einem Teil ihrer Identität und ihres Glaubenssystems werden. Sie können Etiketten noch nicht einordnen und verarbeiten. Ebensowenig können sie die Verantwortung für die Zuschreibungen übernehmen.

Denn Kinder wissen eben nicht, dass sie nicht notwendigerweise das sind, was andere – womöglich auch ihre Eltern – über sie sagen.

Statt unsere Kinder (und andere Menschen) mit einem Label in eine Schublade zu stecken, sollten wir ihnen in einem offenen Raum begegnen, in dem es möglich und erlaubt ist, sich auszuprobieren, frei zu entfalten und zu verändern. Und eben auch in Eigenschaften oder Verhaltensweisen hinein- oder herauszuwachsen.

2. Selbst positive Labels bauen Druck auf und engen das Kind ein.

Man könnte einwenden, dass einige Zuschreibungen durchaus positiv sind und positives Verhalten eines Kindes verstärken können.

Warum positive Labels problematisch sind, ist noch ein anderes Thema – dazu in einem späteren Artikel mehr. Du möchtest keinen neuen Artikel verpassen? Melde dich für meinen Newsletter an und bleib auf dem Laufenden.

Doch selbst positive Etikettierungen können sehr einschränkend sein. Wird ein Kind z.B. von allen Seiten als „brav“ oder „vernünftig“ bezeichnet, kann es sich gehemmt fühlen, aus dieser Rolle auszubrechen. Oder ein „kluges“ Kind hat große Angst, Fehler zu machen. Zu versagen. Denn es möchte sein positives (oder positiv gemeintes) Etikett und den damit verbundenen Status nicht verlieren. Nicht als frech, leichtsinnig oder dumm gelten. Das führt dazu, dass das Kind Risiken vermeidet. Und sich auf einem eher kleinen Spielfeld bewegt.

Doch ist es gerade für Kinder unheimlich wichtig, sich auszuprobieren. Sich selbst zu entdecken und Antworten auf die großen Fragen zu finden: Wer bin ich? Was kann ich? Und wer möchte ich sein?

Kinder frei entfalten lassen - wir müssen aufhören, unsere Kinder abzustempeln.
Wir müssen aufhören, Kinder (und Menschen) abzustempeln.

3. Zuschreibungen verfärben unseren Blick auf das Kind.

Etiketten können daneben wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen wirken. Sie führen dazu, dass unsere Wahrnehmung des Kindes durch dieses Label eingefärbt wird.

Dann wird gegenteiliges Verhalten oft als Zufall oder als Ausnahme von der Regel verbucht: Ein Kind, das z.B. als „unordentlich“ gilt, wird möglicherweise gar nicht in seiner Bemühung um Ordnung wahrgenommen.

Etiketten sind statisch und engen den Blick auf Menschen ein. Das gilt auch für die Selbstwahrnehmung der Kinder. Denn wenn ein Kind ein „richtiger Künstler“ ist, schließt es für sich selbst womöglich daraus, dass es kein Wissenschaftler oder Sportler sein kann.

Und wenngleich Etiketten oft mindestens einen Funken Wahrheit enthalten, engen sie uns ein. Sie hemmen Kinder in ihrem Verhalten – und uns in unserer Wahrnehmung.

4. Labels sind einseitig.

Jede menschliche Eigenschaft hat wie eine Münze auch eine Kehrseite bzw. eine Schattenseite. Wenn wir etikettieren, schauen wir meist nur auf eine Seite. Und dabei tendieren wir dazu, auf die negative Seite zu setzen. Wir (ver-)urteilen. Auf diese Weise entgehen uns die positiven Verhaltensweisen und Eigenschaften, die das Kind von sich zeigt. So kann z.B. ein „wildes Kind“ einfach energisch sein. Ein Kind, das forderndes Verhalten zeigt, könnte Führungsqualitäten haben. Oder „der Träumer“ könnte sehr kreativ und fantasievoll sein.

Interessanterweise werden viele Eigenschaften, die wir im Erwachsenenalter schätzen (Durchsetzungsvermögen, Führungskompetenzen, Unabhängigkeit), in der Kindheit in einem negativen Licht gesehen: Dann ist ein Kind trotzig, fordernd oder eigensinnig. Das ist doch ziemlich traurig, wenn man mal darüber nachdenkt.

Positive Eigenschaften der Kinder werden oft übersehen. Wir sollten diese Münze werfen und den Blick lieber mal auf die positiven Persönlichkeitsaspekte unserer Kinder wenden.

Wie kannst du Etiketten im Alltag vermeiden?

Wichtigste Frage überhaupt! Es geht um Feinheiten in unserer Kommunikation. Wie immer. Haim Ginott, klinischer Psychologe, Kindertherapeut, Elterncoach und Autor empfiehlt:

„Beziehe dich nur auf das Verhalten und schütze die Persönlichkeit deines Kindes.“

Was genau bedeutet das? Vermeide pauschale Kommentare wie:

  • „Du bist …“
  • „Er oder sie ist …“
  • „Sei …“ oder „Sei nicht so ein/e …“.

Beschreibe stattdessen das Verhalten deines Kindes. Du kannst auch deine Einschätzung formulieren, ob das Verhalten deines Kindes in einer Situation passend oder angemessen war oder nicht. Ob es sicher war oder nicht. Ob es nützlich war oder nicht.

  • „Wenn du X oder Y machst, fühle ich mich … „
  • „Mir gefällt (nicht), dass du …“
  • „Das Verhalten / die Reaktion in dem Moment war …“

Damit trennst du das Verhalten vom Wert des Kindes als Menschen.

Statt Verhalten zu diagnostizieren, können wir auch die Motivation dahinter erkennen – und anerkennen.

Beispiel: Statt ein Kind als „schüchtern“ zu bezeichnen, könntest du auch einfach seine Verhaltensweisen genauer beschreiben: „Sie schaut manchmal gern eine Weile zu, bevor sie mitmacht.“ Ohne Wertung.

Bewusste Kommunikation mit Kindern: Wie du pauschale Zuschreibungen im Alltag vermeiden kannst.

Beschreibst du das Verhalten in der Vergangenheit („Das Verhalten war …“), vermeidest du, Erwartungen für zukünftiges Verhalten zu wecken. Bedenke den Unterschied zwischen: „Er ist vergesslich“ und „Er hat heute seine Jacke vergessen“.

Die erste Aussage definiert dein Kind, stempelt es ab und erzeugt eine Erwartungshaltung für die Zukunft. Ohne Raum für das Selbstwertgefühl deines Kindes. Die zweite Aussage bildet einfach nur ab, was passiert ist. Sie weckt keine Erwartungen an ein anhaltendes Verhalten und lässt Raum für Veränderungen und Verbesserungen.

Freie Entfaltung – ohne Stempel und ohne Urteile

Wir Menschen sind so viel komplexer als nur eine Reihe von Merkmalen. Und auch, wenn manche es nicht glauben mögen: Unser Gehirn ist aufgrund seiner hohen Plastizität ein Leben lang veränderbar. Ja. Ein Leben lang. Ist das nicht großartig?!

Damit sind ein Wandel und die Weiterentwicklung unseres Wesens immer möglich. Lass uns genau diese Flexibilität und Freiheit für unsere Kinder schützen und greifbar machen. Statt sie durch Zuschreibungen und damit verbundene (wahrgenommene) Erwartungen einzuschränken.

Pauschale Zuschreibungen schränken Kinder ein
„Labels sind für Pakete, nicht für Kinder.“

Die eigene Vielfalt entdecken und ausleben

Das Leben fordert von uns, dass wir die verschiedensten Rollen einnehmen können: Wir müssen mal Entscheider sein, uns aber auch oft Entscheidungen anderer beugen. Mal sind wir Lernende, mal bringen wir anderen etwas bei. Und manchmal sind wir aufmerksamer Gastgeber und ein anderes Mal dankbarer Gast.

Ebenso wissen wir, dass wir uns in verschiedenen Umgebungen und mit unterschiedlichen Menschen anders verhalten. Zum Teil sogar völlig anders. Manchmal sind wir schüchtern, manchmal kontaktfreudig. Bei einigen Menschen oder Gelegenheiten sind wir nervös, in anderen Situationen entspannt, lustig und locker. Wir sind manchmal sensibel und manchmal hart. Das ist okay. Und sehr wichtig.

Um genau diese volle Palette an Verhaltensweisen lernen und nutzen zu können, sollten wir auf Labels verzichten und Kinder ermutigen, sich selbst und ihr Potenzial zu entfalten und zu erleben. 

Kinder müssen sich von Urteilen – ob positiven oder negativen – unbelastet fühlen, wenn sie lernen, wer sie sind und wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen.

Unvoreingenommen ist das Stichwort.

Geben wir unseren Kindern doch jeden Tag die Möglichkeit, uns und sich selbst eine andere Facette ihres Wesens zu zeigen und sich von einem Moment zum anderen neu erfinden zu können. Indem wir Etiketten vermeiden – negative, aber auch positive –, schenken wir unseren Kindern ein freies Selbstbild und Raum für Veränderung und Wachstum.

Denn, so cheesy es klingen mag: Du kannst ALLES sein. Am besten du selbst. In deiner eigenen Vielfalt. Ohne Stempel und außerhalb von engen Schubladen.

Wir sind mehr als eine Liste von Eigenschaften und Attributen. Und wir sind nicht unser Verhalten. Punkt.

Wurdest du als Kind gelabelt? Wie gehst du mit Labels um? Schreib mir gern einen Kommentar – ich freu mich!

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