Die Oma, die das Kind lobt, wie brav es den Teller leergegessen hat – und bei kindlichen Gefühlsstürmen schimpft. Der Nachbar, der uns fragt, ob wir unseren Sohn nicht verweichlichen. Die Schwiegereltern, die sich immer wieder in die Erziehung einmischen: „Das siehst du viel zu eng.“ Und Freunde, die meinen, ein bisschen Hausarrest hätte uns ja auch nicht geschadet.
Und mittendrin wir, die sich manchmal fragen: Really?!
Die Begleitung von Kindern ist ein emotionales Thema.
Besonders, wenn
- Auffassungen auseinander gehen (Stufe 1)
- unser „Erziehungsstil“ kritisiert oder infrage gestellt wird (Stufe 2)
- oder sich eingemischt und gegen unsere Werte gehandelt wird (Stufe 3).
Wenn es dir wie mir geht, fragst du dich vielleicht auch:
Wie gehe ich mit Menschen um, die meine Art der „Erziehung“ nicht verstehen oder kritisieren?
In diesem Artikel bekommst du meine Antworten:
- Meine persönliche Perspektive auf das Thema Verwandtschaft und Menschen mit anderen Werten
- Meine Ideen, wie du mit Kritik an deinem „Erziehungsstil“ respektvoll umgehen und gleichzeitig mit geradem Rücken für dein Kind und deine Werte einstehen kannst
Menschen sind Rudeltiere
Seit ich Kinder habe, ist es mir bewusst:
‚Dieses Elternsein‘ ist nicht für einen oder zwei Erwachsene allein gedacht.
Wir Menschen sind Rudeltiere. Es ist für uns natürlich, in Clans oder Großfamilien zu leben. Eingebettet in eine Gemeinschaft, in der tägliche Aufgaben, Sorgen und Lebensräume geteilt werden.
Nicht umsonst heißt es: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.
Stattdessen leben die meisten von uns im Hamsterrad einer Kleinfamilie. Wir stemmen jeden Tag drölfzigtausend Aufgaben – und dann wundern wir uns, wie wir alle Bälle oben halten sollen und warum wir abends völlig leer und erschöpft auf die Couch fallen.
(Kleinfamilie und Erschöpfung ist noch ein anderes großes Thema, über das ich bei Gelegenheit mehr schreiben werde.)
Aktuell lebe ich mit meiner Familie z.B. sechs und acht Stunden von den Großeltern entfernt. Unsere Ansichten zu „Kindererziehung“ (ich nenne es lieber ‚Leben mit Kindern‘) sind bei manchen Themen noch weiter voneinander entfernt.
Aber ehrlich? Die realen Kilometer schmerzen mich meist mehr. Denn dass Auffassungen zwischen Generationen auseinander gehen, ist doch vielleicht auch ein Naturgesetz.
Die Frage ist: Wie gehen wir damit um?
Doch bevor wir mit der Frage starten, wie wir auf kritische Kommentare reagieren können, möchte ich eins vorweg schicken:
Dankbarkeit.
Denn es ist wertvoll und schön, dass es Menschen gibt (ob verwandt oder nicht), denen meine Kinder am Herzen liegen. Die sich für ihr Leben interessieren. Die ihnen – auf ihre Weise – Gutes tun möchten.
Nicht alle haben dieses Glück.
Am Anfang meiner Elternschaft saß ich in einer Falle: Ich hatte Angst, Menschen mit anderen Ansichten und Werten könnten meinen Kindern schaden.
Irgendwann fand ich für mich heraus:
Der Kontakt zu Menschen mit unterschiedlichen Werten und Lebensstilen bringt Gleichgewicht in unser Leben.
Denn: Haltungen müssen herausgefordert werden.
Vielleicht ähnlich wie Immunsysteme.
Natürlich brauchen wir Gleichgesinnte, die unsere Werte teilen. Aber: Schotten wir uns von Menschen mit anderen Auffassungen und Werten ab, leben wir in einer Blase.
Das kennen wir von Social Media: Dort bewegen wir uns in Echo-Kammern – Algorithmen machen es möglich. Wir öffnen Instagram, YouTube & Co. und bekommen immer wieder Inhalte gezeigt, die wir entweder schon kennen oder die unsere Haltung widerspiegeln. Unsere Ansichten werden nicht in Frage gestellt, sondern bestätigt. Immer wieder.
Nur selten werden wir mit anderen Lebensrealitäten oder gegenteiligen Meinungen konfrontiert. Und wenn, dann werden sie oft schon für uns eingeordnet.
Bequem, oder?
Aber: Was macht das eigentlich mit uns?
Durch den Austausch mit anderen lernen wir (und unsere Kinder) die Vielfalt der Welt kennen. Manchmal himmelweite Unterschiede. Manchmal nur Nuancen. Wir nehmen andere Blickwinkel ein und lassen uns inspirieren. Wir lernen uns selbst besser kennen. Oder wir diskutieren. Und schärfen dabei unsere Meinungen. Wir bestätigen sie, entwickeln sie weiter – oder ändern sie.
So einen Austausch halte ich auch für unsere Kinder sehr wichtig – denn „die Welt da draußen“ ist anders als zu Hause.
An vielen Stellen werden wir im Austausch sicher auch feststellen: Unser Weg ist für uns der richtige.
Aber wie begegnen wir dann z.B. Großeltern oder Bekannten, die unseren Erziehungsstil kritisieren? Oder sogar dagegen handeln?
Wie gehe ich mit unterschiedlichen Auffassungen um?
Allen voran stehen die Fragen:
- Was toleriere ich?
- Wo gehe ich keine Kompromisse ein und setze eine Grenze?
- Wo ist der Austausch mit anderen wertvoll und bringt uns Balance und Vielfalt ein?
Für mich persönlich nicht verhandelbar ist:
- dass meine Kinder sich abgrenzen und nein sagen dürfen
- dass sie alle Gefühle ausdrücken dürfen
- dass in Anwesenheit meiner Kinder respektvoll gesprochen und gehandelt wird.
Denn ich lasse es nicht zu, dass jemand mein Kind zu etwas zwingt, das es nicht möchte. Ich versuche, Menschen daran zu erinnern, den Kindern zuzuhören und sie in ihrem „So-Sein“ zu akzeptieren. Ebenso wenig lasse ich niemanden die Gefühle meiner Kinder absprechen:
„Benny empfindet das gerade so. Er ist wütend / traurig / enttäuscht / aufgeregt… er darf das zeigen.“
Und wenn jemand in Anwesenheit meiner Kinder alte Klischees oder menschenverachtende Dinge vom Stapel lässt, lass ich das auch nicht so stehen.
Bei vielen anderen Dingen bin ich aber mittlerweile entspannt. (Das war ein Prozess.)
Meine Haltung:
Es ist mein Job, bestimmte Dinge für mein Kind und meine Familie zu entscheiden. Und es ist okay, wenn andere damit nicht einverstanden sind.
Klassische Situationen – und mein Umgang mit ihnen
Bei Unverständnis, kritischen Kommentaren oder grenzüberschreitenden Handlungen von eigenen Eltern, Schwiegereltern, Bekannten oder Freunden reagiere ich meist so:
- Ich erkenne die Sichtweise der anderen Person an (Empathie).
- Ich setze meine Grenze und
- biete ggf. andere Optionen an.
Hier ein paar Beispiele:
„Das hätte es bei uns früher nicht gegeben!“
Wer kennt diesen Kommentar nicht?! Im Grunde würde als Reaktion genau ein Satz reichen, ohne Diskussionen oder Rechtfertigungen:
„Ich kann verstehen, dass das schwierig für dich/euch ist.“
Meist ist eine Diskussion nicht nötig und auch nicht zielführend.
Wenn ich das Gefühl habe, mehr anfügen zu müssen:
„Wir haben uns mit Thema XYZ auseinandergesetzt und möchten diesen Weg gehen.“
„Ihr lasst dem Kind zu viel durchgehen. / Ihr verwöhnt das Kind. / Das Kind tanzt euch auf der Nase herum.“
Ein Klassiker. Sicherlich auch ein Generationen-Konflikt.
Erkenne an:
„Ich kann mir vorstellen, dass das für euch schwierig ist oder euch komisch vorkommt. Ihr habt es als Kinder anders erlebt und ihr habt es auch anders mit euren Kindern gemacht. Das ist okay.“
(Ja, das ist eines meiner großen Mantras für die meisten Konflikte: Das. Ist. Okay.)
Grenze setzen:
„Wir wollen alle das Beste für die Kinder. Ich weiß, ihr seht das anders. Und wir handhaben es mit unseren Kindern so.“
Option – z.B. Gespräch oder Austausch anbieten:
„Möchtest du wissen, warum mir das so wichtig ist und wir das anders machen?“
„Dir hat das doch auch nicht geschadet. Aus dir ist auch was geworden.“
Ein schwieriger Satz.
Nicht nur, weil er in eine emotionale Diskussion darüber führen könnte, für welchen Schlamassel die autoritäre Erziehung der alten Schule alles verantwortlich ist. Dazu könnte ich (in der richtigen Stimmung) einen langen Vortrag halten – mach ich aber nicht. Weil: Es bringt nicht allzu viel. Außer Schuldgefühle für etwas, das
- sich nicht mehr ändern lässt und
- damals nicht im Bewusstsein der Menschen war, weil es bis vor 20 Jahren Jahren wenig Wissen zu diesem Thema und viele andere Probleme gab.
Ich wähle hier einen anderen Weg. Denn dieser Satz sagt aus, dass Großeltern unseren Weg als Kritik an ihrer Auffassung von Erziehung sehen.
Aber: Genau darum geht es uns ja nicht.
Deshalb auch hier: Anerkennen.
„Alle Eltern möchten das Beste für ihr Kind. Ihr seid damals den besten Weg für euch gegangen. Ihr habt es so gemacht, wie ihr konntet und es für richtig gehalten habt.
Genauso machen wir es auch. Wir gehen mit unserem Kind den Weg, der für UNS passend und richtig erscheint.“
Zu bedenken geben:
„Die Welt und das Leben heute sind ganz anders als vor 30 Jahren. Die Kinder müssen anders darauf vorbereitet werden. Und das Wissen dafür ist über die Jahre gewachsen. Wir haben heute Zugang zu Wissen, das es vor 20, 30, 40 Jahren so einfach noch nicht gab. – Dieses Wissen nutzen wir jetzt. Wir machen uns viele Gedanken über das Elternsein und wir gehen diesen Weg und sammeln unsere Erfahrungen.“
„Natürlich. Es kommt euch an manchen Stellen komisch vor, weil es ganz anders ist als früher. Das verstehe ich. Ihr würdet einige Dinge anders machen. Und auch das ist – O-KAY.“
Interessant auch, um ins Gespräch zu kommen und die Perspektive zu wechseln – mit einer Haltung von Neugier und Wohlwollen:
„Gab es mit euren Eltern oder Schwiegereltern damals auch Dinge, bei denen eure Meinungen auseinander gingen und die ihr anders machen wolltet? Oder wart ihr immer auf derselben Linie?“
Wenn Kinder zu Erwachsenen nein sagen
„Du findest es schwierig, wenn Ella zu dir nein sagt? Sie darf nein sagen, wenn sie etwas nicht möchte. Auch zu Erwachsenen. Das ist uns wichtig.
Wäre es für dich angenehmer, wenn sie „nein, danke“ sagen würde?“
„Warum kommt der Kleine denn nicht mal zu mir auf den Arm?“
„Du würdest Benny gern mal in den Arm nehmen und er möchte das (gerade) nicht. Das ist schade, aber es ist okay. Er darf das selbst entscheiden. Vielleicht könnt ihr ja stattdessen etwas zusammen spielen?“
Wenn Großeltern sich in die Erziehung einmischen oder gegen unsere Werte Handeln
Vielleicht etwas Wertschätzung vorausschicken:
„Ihr macht euch Gedanken, weil euch euer Enkelkind wichtig ist.“
Eine klare Grenze, gewaltfrei in Ich- bzw. Wir-Botschaften:
„Wir sind die Eltern. Wir entscheiden das für unser Kind. Wir möchten XYZ nicht, weil uns [dieser Wert, der damit zusammenhängt] wichtig ist. Ihr würdet es anders machen. Das ist okay. Und wir gehen unseren Weg.“
Manchmal braucht es eine klare Abgrenzung der Rollen:
„Ihr seid die Großeltern. – Und das hier ist unser Job.“
Wenn sich jemand über deine Grenze aufregt, bedeutet das nicht, dass du deine Grenze ändern musst.
Wir können und müssen nicht die Meinung der anderen ändern. Wir können aber unsere Grenzen setzen und ins Gespräch und in den Austausch kommen.
Bei Dingen, die mir für meine Kinder wichtig sind, nehme ich in Kauf, dass sich andere auf den Schlips getreten oder genervt fühlen. Habe ich meine Gedanken, Wünsche und Grenzen respektvoll (gewaltfrei) kommuniziert, liegt die Verantwortung für die Reaktion und Gefühle des Gegenübers nicht bei mir.
Handelt jemand immer wieder gegen unsere Werte, respektiert unsere Rolle als Eltern nicht oder schadet unserem Kind sogar, dürfen – und müssen – wir ganz klare Grenzen setzen:
„Das möchte ich nicht. Wenn wir im Kontakt sein wollen, möchte ich, dass du XYZ respektierst. Wir können gern darüber sprechen, warum ich das so sehe und wie ich mir den Umgang mit unserem Kind wünsche und wie nicht. Wir können auch gern darüber sprechen, wie wir es handhaben können, dass es für alle okay ist. Aber XYZ akzeptiere ich nicht.“
Ja, bei schwerwiegenden Dingen, finde ich, ist Klartext angesagt. Auch wenn es schwierig ist.

Verständnis und Austausch
Nun wollen wir aber keinen Krieg mit den Großeltern, sondern idealerweise in den Austausch gehen und einander verstehen.
Dazu kann eine Haltung von Neugier helfen:
Warum ist den Großeltern diese Sache so wichtig – woher die Kritik?
- Sind sie selbst mit diesem Glaubenssatz aufgewachsen? (z.B. Kinder müssen Erwachsenen gehorchen)
- Ist (oder war) es Teil unserer Kultur? (z.B. Teller leer essen, zur Begrüßung Hand schütteln, Küsschen geben)
- Fühlen sich die Großeltern in ihrer Art der Erziehung verurteilt, weil wir Dinge anders machen möchten als sie? (z.B. Gefühle der Kinder einfühlsam begleiten)
- Fühlen sie sich ihren Enkelkindern weniger nah als sie es sich wünschen würden?
- Brauchen sie andere Wege, um mit dem Kind in Verbindung zu kommen? (z.B. gemeinsame Zeit statt Geschenke)
- Was geht in den Großeltern vor, wenn das Kind nein sagt? Fühlen sie sich abgelehnt?
Zum großen Thema „Kindern Grenzen setzen“ habe ich eine ganze Artikelserie – vielleicht auch hilfreich für dich:
