„Junge, sei kein Mädchen!“ – Warum machen wir es Jungs eigentlich so schwer?

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Es passiert mir immer wieder: Ich bin mit meinen Kindern auf dem Spielplatz. Mein Sohn baut eine große Sandburg mit mehreren Tunneln und ist völlig in sein Spiel vertieft. Ein anderes Kind spielt neben ihm. Und es sieht sein umherliegendes Spielzeug. Es gibt seiner Mutter oder seinem Vater zu verstehen, wie gern es mit dem Eimer meines Sohnes spielen würde.

Und ich höre, wie die Eltern ihr Kind ermutigen: „Frag das Mädchen… ähhh… den Jungen… oder… ähhh…“ Und dann rätseln sie erst einmal mit ihrem Kind, welches Geschlecht mein Sohn denn hätte. Vermutlich liegt es am neutralen Look und seinen langen lockigen Haaren.

Und in solchen Situationen frage ich mich:

Warum ist es wichtig, zu klären, welches Geschlecht ein Kind hat?

Junge? Oder Mädchen? – Welchen Unterschied macht das?

Was wäre für das Kind anders, wenn mein Sohn ein Mädchen wäre? Oder weder noch? Und warum halten wir Unsicherheit bei diesem Thema eigentlich so schwer aus?

Denn im Grunde ist die Frage nach dem Geschlecht überflüssig.

Dennoch: Viele Eltern fühlen sich von solchen Zweifeln angegriffen. Und dann überlegen sie vielleicht, ob sie nicht doch endlich einen Friseurtermin vereinbaren sollen, um sich solche Situationen zu ersparen.

Werden wir direkt gefragt, stelle ich meinen Sohn freundlich mit Namen vor. Einmal ergänzte er: „Und ich bin ein Mensch.“

No hard feelings.

Denn ich persönlich mache mir nicht viel daraus. Und ich glaube, den Kindern wäre es auch total egal, für was sie gehalten werden. – Aber: Sie merken unsere Reaktionen. Denn den Erwachsenen ist es offenbar nicht egal. Und schwups, haben wir unseren Kindern ein kleines Paket für Rollen und Erwartungen auf den Rücken geschnallt.

Und ein Paket, in dem meist nicht genug Platz für das Entdecken des eigenen Selbst ist: Du bist ein Junge. Und Jungs sind so, so und so. 

Ein freies, weites Feld wird rigide abgesteckt. 

Willkommen in der faden Welt der zwei Geschlechter – vollgemalt mit Grenzen, Klischees und Bildern.

Junge, Mädchen…? – Kind.

Dabei ist längst klar: Die Einteilung in Jungen und Mädchen ist ja nicht die ganze Wahrheit. Und sie wird der Komplexität des Themas Geschlecht nicht gerecht. Denn es handelt sich beim Geschlecht um viel mehr als um die Frage, welche Organe einen Menschen definieren.

Es geht um Identität. Um gelernte Rollenbilder. Aber auch um ganz persönliche Gefühle – die dem Gelernten manchmal auch entgegenstehen können.

Um unseren Blick auf das weite Feld zu öffnen, sollten wir wissen, dass Geschlecht viele Dimensionen hat. In ihrem Buch Mädchen, Junge, Kind* fasst Daniela Thörner dieses Thema sehr verständlich zusammen.

Es gibt das biologische Geschlecht: 

  • äußere und innere Geschlechtsorgane, 
  • Hormone (die sich sehr individuell zusammensetzen und im Lauf des Lebens auch verändern)
  • und Chromosomen. 

Und es gibt das sogenannte soziale Geschlecht, das wir auch als Gender bezeichnen. 

Dieses wiederum setzt sich zusammen 

  • aus dem, was wir über das „Mann-Sein“ und „Frau-Sein“ lernen und mit welchen Vorstellungen wir aufwachsen (Sozialisation)
  • und dem gefühlten Geschlecht (Als was fühle ich mich?).

Irgendwann kommen noch die Fragen dazu:

  • Wen liebe ich?
  • Und wen begehre ich? 
  • Oder möchte ich frei von Definitionen, Skalen oder Begriffen einfach Ich sein?

All das formt eine Identität.

Und auch Identität ist ein lebenslanger Prozess. Etwas Fließendes – und nichts, das in Stein gemeißelt ist.

Oben drauf steht dann die Frage, wie ein Mensch seine ganz eigene Geschlechtsidentität ausdrücken möchte. 

Und darf.

Und genau da liegen eine Menge Probleme, die – wie so viele – schon in der Kindheit anfangen.

Geschlechterklischees überall

Es geht hier nicht darum,

Schon allein die Auswahl des Spielzeugs ist bei Mädchen wie bei Jungs von Klischees durchzogen: 

  • Betreten wir ein Spielzeuggeschäft, ist das erste, was wir hören: „Junge? Oder Mädchen?“
  • Oma bringt zwei Lego-Sets mit: Einen Bagger mit einem vollbärtigen, helmtragenden Legomännchen. Und ein lilafarbenes Set, bestehend aus einer Frau mit Rock, langen Haaren und Handtasche. Ein niedliches Hündchen. Dazu ein ebenso niedliches Auto, das kaum zusammengebaut werden muss, da es nicht allzu viele Teile besitzt. 
  • Und wer kauft seinem Sohn ohne komisches Gefühl ein pink glitzerndes Krönchen oder eine Schminkpuppe und lenkt nicht verlegen räuspernd über in die Technikabteilung? 
  • Oder umgekehrt: Wir kaufen unserem Jungen stolz ein „Mädchenspielzeug“ – und fühlen uns besonders liberal und weltoffen. 

Kurzum: Es ist für uns ein Thema.

In allererster Linie für uns. Nicht für die Kinder.

Warum ist es uns so wichtig, dass unser Sohn als Junge erkannt wird? 

  • Jungs tragen meist wie selbstverständlich einen Kurzhaarschnitt. Werden sie eigentlich ebenso sensibel und nachdrücklich wie Mädchen gefragt, ob sie das wirklich möchten? 
  • Trägt ein Junge die Haare doch lang und darf mit einer Handtasche spielen, reden wir von einem „Man Bun“ (very hipster) und Männer-Handtaschen. – Was ist falsch an Dutt und Handtasche? Müssen Dinge vermännlicht werden, um okay für einen Jungen zu sein? 

Um wen geht’s dabei eigentlich?

Männliche Identität wird vorgegeben.

Reden wir von Gleichberechtigung, geht es oft nur darum, wie wichtig es wäre, Mädchen zu stärken, um sie zu selbstbewussten, starken Frauen heranwachsen zu lassen. Um irgendwann in einer Welt zu leben, in der Frauen (annähernd) dieselben Chancen wie Männer haben. 

Völlig zu recht natürlich! (Da haben wir noch einen langen Weg vor uns.) Nur: Dieser Blick allein reicht nicht.

Für meinen Geschmack wird viel zu wenig darüber gesprochen, was eigentlich mit den Jungs ist. In was für ein toxisches Männerbild wir sie unbewusst hineinpressen. Und welcher Teile ihres Menschseins wir sie eigentlich berauben, wenn wir erwarten, dass sie stark, stoisch, sportlich, praktisch und eben „kleine Männer“ sind.

Denn das ist ein wesentlicher Teil des ganzen Problems.

Denn das Rollenbild für Jungs und Männer ist das Gegenstück zum Klischee der „braven, emotionalen, zarten Mädchen“. Mädchen und Jungs werden so gleichermaßen in ihrem Wesen eingeschränkt.

Jungs sind Jungs sind Jungs…

Bei Mädchen sind wir zumindest schon in Ansätzen sensibilisiert. Vielleicht ermutigen wir sie sogar, dass sie auch zum Mond fliegen, mit Autos spielen oder Piratenkostüme tragen können.

Und was ist mit Jungs?

Ich habe manchmal das Gefühl, sie haben es vielleicht sogar schwerer als Mädchen. 

Besonders im Hinblick auf Gefühle und das Leben von Beziehungen – die ja so ziemlich der wichtigste Teil unseres Menschseins sind.

Starke Körper, stoisches Verhalten, bloß nicht zu emotional, kein Weichei, aber trotzdem nett. Technisch versiert, praktisch veranlagt, kein Muttersöhnchen – und bloß nicht wie ein Mädchen. Ein Haufen Erwartungen, die in ihrer Widersprüchlichkeit einfach nur toxisch sind. Und ein sicheres Ticket in die Überforderung.

Es wird viel diskutiert, was Jungs bräuchten. Mehr männliche Erzieher und Grundschullehrer,

„Es gibt viele Wege, ein Mädchen zu sein. Aber nur noch einen, um ein Junge zu sein“, schreibt der Autor, Vater und Feminist Nils Pickert in seinem Buch Prinzessinnen-Jungs*.

Denn: Springen wir vor Freude in die Luft, wenn unser Sohn zum Karneval in ein Elsa-Kostüm schlüpfen möchte? Dass er eine weibliche (oder von der Gesellschaft als weiblich definierte) Seite ausprobieren möchte? Schenken wir unseren Söhnen glitzernden Schmuck, Haarspangen oder schlagen Balletstunden vor?

Sobald unsere Söhne Geschlechterklischees aufbrechen, wirft uns das aus der Bahn. 

Denn wir haben Angst.

  • Angst, dass unsere Jungs auf Ablehnung stoßen, verletzt und gemobbt werden.
  • Angst, kritisiert zu werden, wir würden unseren Jungen verweichlichen
  • Angst, dass wir als Eltern angegriffen werden, wenn wir unseren Jungen der Gefahr aussetzen, anzuecken und sie zur Zielscheibe werden.

Das Traurige ist: Es passiert. Immerzu.

Und das führt dazu, dass die meisten eben aus Angst auf diesen engen Feldern bleiben. Und dass es fast schon als radikal gilt, sein Kind genau so anzunehmen, wie es ist. Und einen Jungen zu feiern, der im Elsa-Kostüm durch die Straßen tanzt. Der einfach nur ein Kind auf seiner ganz eigenen und persönlichen Entdeckungsreise ist.

Mit diesem Artikel möchte ich dich für dieses große Thema Geschlecht ein wenig sensibilisieren. Dich einladen, über die vielen kleinen Situationen nachzudenken, in denen wir unsere Kinder in Rollen drücken und sie im harmlosen Ausdruck ihres Wesens einschränken. In denen wir bewerten und Angst haben, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Und vielleicht können wir ja bei diesen harmlosen Fragen auf dem Spielplatz anfangen und Jungs und Mädchen doch einfach Kinder sein lassen.

Kinder ermutigen, ganze Menschen zu sein. Auf den Tisch zu hauen, ihre Freunde herzig zu umarmen, vor Schreck laut zu quietschen, albern zu lachen oder ohne Scham zu weinen. Für sich und andere einzustehen, laut, leise, stark und weich zu sein, Neues auszuprobieren – und vielleicht auch mal verständnislos zu fragen: Liebe Erwachsene, was genau ist eigentlich euer Problem?!

Und wenn du einen Sohn hast, der gern Kleider tragen möchte, lies gleich hier weiter.

Buchtipps

Das Thema ist sehr sensibel und komplex und lässt sich in einem Artikel kaum abbilden. Wenn es dich näher interessiert, lege ich dir diese Bücher ans Herz:

Prinzessinnenjungs* von Nils Pickert.

Mädchen, Junge, Kind: Geschlechtersensible Begleitung und Empowerment von klein auf* von Daniela Thörner & Slinga.

Dieses Buch gibt Eltern und Pädagog:innen einen sensiblen und wunderbar verständlichen Einstieg in die komplexe Thematik von Geschlechteridentität. Ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit viel Hintergrundwissen und humorvollen Illustrationen von Slinga. Ein Leitfaden, der durch die Altersgruppen von 0 bis 18 Jahren führt und viele praktische Beispiele liefert, wie wir z.B. mit unseren Kindern über Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierungen sprechen können. Kindgerecht und und mit unseren Kindern ins Gespräch kommen – und bleiben. Große Leseempfehlung! Hier kannst du das Buch direkt beim Verlag Familiar Faces bestellen.**