Wohin ich auch gehe, ich höre es überall – manchmal auch aus meinem Mund: „Sei vorsichtig! Fall da nicht runter! Du rutschst noch aus! Nicht so schnell! Pass auf!“
Und manche Warnungen reden Katastrophen förmlich herbei – und das so anschaulich, dass es echt unschöne Bilder erzeugt: „Wenn du von dem Stuhl runterfällst, brichst du dir die Nase.“ Oder: „Du schlägst dir noch die Zähne aus…“ (Uff.)
Aber hilft deinem Kind diese Sorge um seine Sicherheit?
Wenn du wissen möchtest, warum Kinder ein bisschen Risiko nicht nur mögen, sondern auch unbedingt brauchen und wie du cool bleiben kannst, um ihnen angemessene Risiken zuzutrauen, dann lies unbedingt weiter. Ein praktisches Cheat Sheet mit Alternativen zu den oben genannten Aussprüchen à la „Sei vorsichtig!“ findest du am Ende des Artikels.
Here we go.
Fürs Protokoll: Ja, auch ich bin bei den ersten (zweiten… dritten… fünfzehnten…) Kletterversuchen meiner Kinder mit ausgestreckten Armen und Herzrasen um das Klettergerüst herumgelaufen und hätte am liebsten ein Sprungtuch unter ihnen ausgebreitet. Ziemlich unentspannt. Ein „Halt dich gut fest!“ kann ich mir bis heute nicht verkneifen.
Und diesen Artikel zu schreiben, ist für mich unbequem. Nicht nur, weil Gefahren für Kinder ein äußerst sensibles und kontroverses Thema unter Eltern sind. Es ist für mich auch ein Augenöffner. Und eine Erinnerung daran, unseren Kindern mehr zu vertrauen, statt sie in Watte zu packen.
Das ermöglicht ihnen nicht nur mehr Spaß – denn vor allem:
Es gibt ihnen Sicherheit, die sie fürs Leben brauchen.
Selbstvertrauen durch Risiken im Spiel
Wir leben in einer Kultur der Kindersicherungen. Klar, niemand möchte, dass Kinder sich wehtun oder verletzen. Aber manchmal ist „gut gemeint“ leider das Gegenteil von gut.
Dies ist kein Artikel gegen Helikopter-Eltern. Oder gegen die besorgte Sorte von Eltern (that’s me). Denn dass wir uns um unsere Kinder Sorgen machen, steht in unserer Job-Beschreibung.
Es geht hier um Selbstvertrauen, körperliche und mentale Stärke, die Kinder durch herausforderndes, riskantes und freies Spielen entwickeln. Und Chancen, die sie durch zu viel Vorsicht und Verbote unsererseits leider verpassen.
Wie soll mein Kind Selbstvertrauen entwickeln, wenn nicht einmal ich ihm vertraue?
Wo Kinder Spaß sehen, wähnen wir Gefahren: Klettern auf knorrigen Bäumen, mit dem Fahrrad einen steilen Hügel herunterrollen, Balancieren auf hohen Mauern, Springen von hohen Kanten, Stöcke schwingen, die größer sind als sie selbst, oder Schneiden üben mit einem echten Messer.
Bekommst du beim Lesen auch ein nervöses Gefühl?!
Dann geht’s dir wie mir.
Aber bedenken wir: Risiko ist unglaublich wichtig für die Sicherheit unserer Kinder.
Im Spiel fordern Kinder sich selbst. Sozial, emotional, intellektuell und körperlich. So bereiten sie sich auf das Erwachsenwerden vor – und das bringt nun einmal auch viele risikoreiche Tätigkeiten mit sich: Auto oder Fahrrad fahren, Bügeln, Gemüse schneiden, Kettensägen bedienen oder auf dem Aktienmarkt investieren.
Die Gefahr von zu viel Sicherheit
Wir lernen nichts, ohne auch mal Risiken einzugehen. Bleiben wir in unserer Komfortzone, kommen wir nicht mit unseren Grenzen in Kontakt – und haben keine Chance, über sie hinaus wachsen.
Erlauben wir unseren Kindern Risiken eingehen, lernen sie ihre eigenen körperlichen Grenzen kennen und entwickeln ihre Koordination. Und ihnen das Ausprobieren zu erlauben, könnte man, so gesehen, als Sicherheitsmaßnahme verstehen.
Nur, wenn Kinder die Chance bekommen, mit Risiken umzugehen, lernen sie, gute Entscheidungen für ihre eigene Sicherheit zu treffen.
Natürlich müssen wir unseren gesunden Menschenverstand einsetzen, wenn es um das Thema Sicherheit geht. Denn nicht alle Risiken sind für alle Alters- und Entwicklungsstufen gleichermaßen geeignet. Und du kennst dein Kind am besten. Deshalb spreche ich hier von angemessenen Risiken. Welche das sind, entscheidest du. Und auch immer wieder neu.
Kinder lieben es, Risiken im Spiel zu wagen
Man könnte meinen, Angst wäre ein negatives Gefühl, das wir vermeiden müssten. Doch bei riskanten Spielen erleben Kinder eine aufregende Mischung von Freude an der Freiheit mit genau dem „richtigen“ Maß an Angst. Nervenkitzel nennen wir das. Schon mal erlebt?
Nachdem mein Sohn als Vierjähriger mit dem Laufrad zum ersten Mal einen steilen Hügel heruntergefahren ist, habe ich ihn gefragt, was er für ein Gefühl dabei hatte. Seine Antwort: „Ich hatte Angst. Aber die war schön.“
Was ist riskantes Spielen?
Riskantes Spielen ist immer etwas wild und, klar, es spielen immer potenzielle Gefahren eine Rolle, die dieses Kitzeln im Bauch hervorrufen. In seinem Buch „Free to Learn“ zeigt Dr. Peter Gray sechs Kategorien von Risiken auf:
1. Gefährliche Höhen
Kinder lieben es, hoch zu klettern: auf Stühle, Bäume, Mauern, Klettergerüste. Von dort aus können sie den Blick aus der Vogelperspektive genießen – und das Gefühl von „Ich hab es geschafft, yay!“
Du kannst (wie ich) für alle Fälle unten bereit stehen. Versuch aber, es für dein Kind nicht so aussehen zu lassen, als sei das Klettern die gefährlichste Sache überhaupt.
2. Hohe Geschwindigkeiten
Lass dein Kind Geschwindigkeit fühlen und sich so schnell fortbewegen, wie es möchte und sich selbst zutraut. Wenn nötig, Helm auf. Knie- und Ellbogenschoner anziehen. Laufrad, Fahrrad, Rollschuhe, Schlitten und was auch immer bereit. Und ab an einen passenden Ort.
3. Gefährliche Werkzeuge
Es ist für ein Kind ein Gefühl der Genugtuung, wenn es Vertrauen im Umgang mit Werkzeugen gewinnt (und gewinnen darf). Zeig deinem Kind, wie es mit Werkzeugen für Erwachsene sicher umgehen kann. Messer oder Schraubenzieher zum Beispiel. Natürlich nur unter deiner Aufsicht oder mit deiner Hilfe.
4. In der Nähe gefährlicher Elemente sein
Auch die Elemente faszinieren Kinder: Der Streichholz zum Anzünden der Geburtstagskerze, Lagerfeuer, Wellen im Meer oder die Uferkante des Flusses.
5. Wildes Spielen
Kinder wollen rau spielen und manchmal auch stürzen (ohne sich zu verletzen natürlich). Kissenschlachten, spielerische Raufereien, kleine Kämpfe. Wir neigen dazu, diese wilden Spiele schnell zu unterbinden: „Nicht so doll, bitte!“ Aber Kinder brauchen diese Art von Spiel! Und welchen positiven Nebeneffekt Toben hat, liest du hier.
Wir können unseren Kindern erlauben, raue Spiele mit festen Regeln zu machen: Kein Schlagen, Beißen, Treten, Kratzen – und wenn das Sicherheitswort (z.B. „Stopp!“) gesagt wird, hören wir sofort auf.
Ideen für wilde Spiele und Raufereien und einen Artikel darüber, welche Arten von Spiel Kinder brauchen, findest du im Lauf der nächsten Monate auf diesem Blog. Du willst keinen neuen Artikel verpassen? Melde dich für meinen Newsletter an!
6. Verstecken
Der Nervenkitzel, allein zu sein. Für einen Moment verschwunden. Von den Spielkameraden getrennt – was ein leicht mulmiges Gefühl auslösen kann. Und im nächsten Moment mit einem lauten „Hah, gefunden!“ aus dem Versteck geholt zu werden.

Was passiert, wenn wir unsere Kinder in Watte packen?
Es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass Kinder, wenn sie sich nicht auf riskantes Spiel einlassen (dürfen), als Erwachsene Probleme mit ihrer Angst bekommen können.
Riskantes Spiel steigert das Selbstbewusstsein, das Selbstvertrauen und das Gefühl der Autonomie der Kinder. Es ist fantastisch für ihre motorischen Fähigkeiten und ihre körperliche Entwicklung. Es spielt eine wichtige Rolle beim Erlernen sozialer Fähigkeiten. Und Kinder lernen, zu kooperieren.
3 Wege, wie du dein Kind unterstützen kannst, für sich wichtige und angemessene Risiken einzugehen
Wenn du wie ich mit Adrenalin vollgepumpt bist, sobald dein Kind ein risikoreiches Manöver antritt, hier für uns zum Abschluss noch ein paar Tipps:
1. Vermeide den Satz: „Sei vorsichtig!“
Dieser Satz kommt ja meist wie automatisch. Aber: Hilft er deinem Kind dabei, sich sicherer zu bewegen? Nein.
Wie hoch ist der Informationswert von „Sei vorsichtig“?
Genau! Null.
Wir meinen damit vielleicht: „Vorsicht, du könntest auf dem unebenen Boden stolpern!“ oder „Achtung, ich möchte nicht, dass du deinen Freund mit dem Stock triffst“. In allererster Linie drücken wir damit aber unsere Sorgen aus.
Unsere Sorgen.
Statt zu sagen „Sei vorsichtig“, können wir unser Kind auch fragen: „Fühlst du dich dabei sicher?“ Oder wir machen es konkret und neutral auf mögliche Risiken aufmerksam: spitze Äste, den rutschigen Boden, das steile Ufer.
Es steht uns auch frei, eigene Gefühle mitzuteilen:
„Ich bin etwas nervös wegen des Sprungs, den du ausprobieren möchtest. Kannst du mir kurz sagen, was du genau machen möchtest?“
Weitere Ideen?

2. Überprüfe deine eigenen Gefühle
Risiken gehören zum Leben. Wir müssen hier in erster Linie mit unseren eigenen Ängsten umgehen und versuchen, unseren Kindern nicht das Gefühl zu vermitteln, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist.
Manchmal werden wir wohl auch sagen müssen:
„Ich kann dabei nicht zuschauen, aber mach es. Viel Spaß!“
Ängste lassen uns Risiken nicht immer logisch und sachlich einschätzen. Was helfen kann, sind Informationen. Und ein bisschen Vertrauen. Unsere Kinder lernen auch durch Fehler. Deshalb müssen sie natürlich auch die Chance bekommen, Fehler machen zu dürfen.
(In einem gewissen Rahmen, ohne fahrlässig zu handeln!)
3. Suche gute Gelegenheiten und passende Orte für riskantes Spielen
Wenn wir unseren Kindern Freiraum geben, vernünftige Risiken einzugehen, werden sie sicherer. Nur so haben sie die Chance, zu lernen Risiken einzuschätzen, kritisch zu denken und Fehler zu beheben, wenn Probleme auftreten.
In diesem Sinn ist es sogar für die Sicherheit unserer Kinder absolut notwendig, sie Risiken eingehen zu lassen.
Dein Kind weiß selbst am besten, wozu es bereit ist.
Wenn du deinem Kind erlaubst, sich gefährlichen Gegenständen und Situationen in seinem eigenen Tempo zu nähern, entwickelt es nach eigenem Herantasten eine Art „Erfahrungsangst“. Mit dieser Angst kann dein Kind ziemlich genau einschätzen, welche Aufgabe es schon meistern kann und welche noch nicht. Dein Kind wird also Risiken vermeiden, für die es körperlich oder emotional noch nicht bereit ist. Das Verletzungsrisiko ist dabei auch gering.
Vielleicht hast du dein Kind auch schon mal dabei beobachtet, wie es ohne dein Zutun z.B. geklettert ist und vielleicht etwas Neues ausprobiert hat – bis zu einem bestimmten Punkt und dann zurückgerudert ist.
In dieses System sollten wir am besten nicht eingreifen. Wir sollten unsere Kinder deshalb nicht dazu drängen, doch mal auf den Baum zu klettern. Und wir halten sie andererseits auch besser nicht davon ab, das große Klettergerüst zu erklimmen, wenn sie es sich zutrauen. Nur so geben wir ihnen die Möglichkeit, ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen zu lernen. Ebenso wie ihre (und unsere) Grenzen.
Damit dieses Wissen funktioniert, müssen Kinder ihr Spiel selbst in der Hand haben.
„Sicheres Spielen heißt freies Spielen und darf nicht von Erwachsenen erzwungen, gelenkt oder gedrängt werden.“
Dr. Peter Gray, Autor von „Free to Learn“
